L i b e r a l e N o t i z e n
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Sammlung Originaldokumente in http://www.liberale-notizen.de |
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Karl-Heinz Paqué Liberale Leitlinien nach 4,3 Prozent der Wählerstimmen 28. Februar 2025 Woran lag’s? Die Antwort ist relativ einfach: Die Ampelkoalition, der
die Partei drei Jahre angehörte, war extrem unbeliebt, vor allem im Milieu
potenzieller FDP-Wähler. Alle drei Ampelparteien verloren Stimmen – die SPD
massiv, die Grünen substanziell, die FDP dramatisch. In Umfragen gaben zwar
fast 40 Prozent der Befragten an, die FDP werde als Stimme im Bundestag
gebraucht, aber weniger als 5 Prozent waren motiviert, sie zu wählen. Woher kam diese Frustration? Der zentrale Grund war der Wandel des
Zeitgeists – dank radikaler Veränderung der politischen Herausforderungen.
Kaum etabliert, erlebte die selbsternannte „Fortschrittskoalition“ eine
Verdüsterung der geopolitischen Lage – mit Russlands Überfall auf die
Ukraine, gefolgt von chronischer Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft
und extremer Finanzknappheit, verschärft noch durch ein restriktives Urteil
des Bundesverfassungsgerichts zur Schuldenbremse. Plötzlich wirkten die
klima- und gesellschaftspolitischen Projekte der Ampel wie aus der Zeit
gefallene Luxusvorhaben tief grüner Ideologie, vor allem für eher bürgerliche
Liberale. Hinzu kam zuletzt die thematische Zuspitzung auf die Gewalttaten
von Asylanten, die den Fokus der Diskussion zur Kontrolle der Grenzen
verschob. Das vorzeitige Ende der Ampel und die Distanzierung von ihr für die
Zukunft – obwohl glaubwürdig und professionell im Wahlkampf intoniert –
konnten da nicht mehr viel retten. Das Drehbuch der Geschichte hätte für die
FDP nicht schlechter sein können. Sie saß zwischen allen Stühlen. Was nun? Es mag merkwürdig klingen, aber das neue Drehbuch der
Geschichte bietet einer liberalen Partei der politischen Mitte in der Zukunft
eigentlich riesige Felder der politischen Arbeit, auch außerparlamentarisch.
Weit verbreitet ist nämlich das Gefühl, dass der grün gefärbte
sozialdemokratische Zeitgeist der Ära der CDU-Kanzlerin Merkel völlig
ausgedient hat. Teure klimapolitische Projekte mit starker Bevormundung und
Lenkung der Menschen wirken anachronistisch – und nicht finanzierbar. Die
Sicherung von Arbeitsplätzen durch Wirtschaftswachstum und Stärkung der
Innovationskraft rückt in den Vordergrund, genauso wie die Reform des
Sozialstaats vor allem durch mehr Anreize zur Arbeit. Die überbordende
Bürokratie muss zurückgefahren werden. Der Staat muss sich auf seine
Kernaufgaben beschränken, diese aber auch leistungsfähig erfüllen, wozu auch
der Schutz der Grenzen vor illegaler Zuwanderung zählt. Außen-, sicherheits-
und handelspolitisch geht es um den Kampf für eine starke Rolle Europas in
einer Welt, in der immer mehr Populisten wie Donald Trump und autokratische
Regime die liberale Weltordnung zu zerstören drohen. Also: eine neue
Realpolitik in komplexer geostrategischer Lage, ganz in der Tradition
früherer liberaler Außenminister. Es spricht wenig dafür, dass die angehende große Koalition diese enormen
Herausforderungen überzeugend bewältigen kann. Das Feld der kritischen
Begleitung durch den organisierten Liberalismus steht also weit offen.
Allerdings braucht es dafür eine neue Besinnung auf die Grundwerte des
Liberalismus. Es braucht eine intensive Diskussion in der liberalen Familie
über individuelle Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung – wie in der
außerparlamentarischen Opposition mit Christian Lindner nach der bitteren Wahlniederlage
2013. Seither hat sich viel verändert: Corona und Kriege sowie
Wachstumsschwäche und Überforderung des Staates haben den optimistischen
Glauben an die Gestaltbarkeit der Gesellschaftsordnung sowie die Kreativität
des Einzelnen massiv in Frage gestellt. Es ist zentrale Aufgabe des
Liberalismus, diese Zuversicht wiederherzustellen. Vielleicht ist die
außerparlamentarische Opposition – bei allen organisatorischen
Herausforderungen – gar kein so schlechter Platz zur Stärkung der Motivation
und Vitalität für eine solche Erneuerung. Die liberale Familie hat dies schon
einmal bewiesen. Tun wir’s doch wieder! |