L i b e r a l e N o t i z e n
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Sammlung Originaldokumente in http://www.liberale-notizen.de |
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Wolfgang Kubicki: Zur Rede des Vizepräsidenten der USA anlässlich der msc 2025
Ganz
unabhängig davon, ob man die Rede des US-amerikanisches Vizepräsidenten Vance
gut oder schlecht findet: Er hat zumindest eine wichtige, richtungsweisende
Rede gehalten. Und – nicht unwichtig: Er hat diese Rede in unserem Land
gehalten. Deutschland ist traditionell sehr eng mit den Vereinigten Staaten
verbunden und verdankt den Vereinigten Staaten die Befreiung und die
Wiedereingliederung in die Staatengemeinschaft. Auch die Wiedervereinigung
wäre ohne die Vereinigten Staaten sicher anders verlaufen. Das
sollten und das werden wir nicht vergessen. Denn wir wissen, welch Geschenk
es war, in Zeiten des Kalten Krieges in Freiheit und in Frieden leben und
aufwachsen zu können, unser Leben frei gestalten zu können und nach unserer
Fasson glücklich zu werden. Alles,
was ich bin, konnte ich nur werden, weil die Voraussetzungen der Freiheit –
die Demokratie, die Rechtstaatlichkeit und die soziale Marktwirtschaft – mir
diesen Entfaltungsraum geboten haben. Dafür bin ich dankbar. Und
wir tun gut daran, sowohl gegenwärtig als auch künftig nicht noch mehr zur
Spaltung beizutragen, uns nicht aus der Ferne über die sozialen Medien in
Rechthaberei zu üben, sondern wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen, und
zu verstehen, was den anderen umtreibt und was wir gemeinsam tun können, um
uns wieder auf festerem Boden zu begegnen. Wir waren vor einigen Jahrzehnten
mal „Partner in Leadership“, wie es George Bush der Ältere formulierte. Wir
sollten ein großes Interesse daran haben, dass das auch wieder so wird. Und
wenn man nun aus Deutschland erklärt, es wäre ungehörig, sich in innere
Angelegenheiten zu mischen (zumal im Wahlkampf), dann ist da natürlich was
dran. Und wenn erklärt wird, auch in den Vereinigten Staaten stünde es nicht
immer gut um die Meinungsfreiheit – es würde Gefolgschaft verlangt, um den
Golf von Mexiko den „Golf von Amerika“ zu nennen, dann ist da auch was dran.
Und wenn wer sagt, zu unseren gemeinsamen Werten gehört auch die Beachtung
der Gerichte, der Rechtsprechung, dann ist da ebenfalls etwas dran. Aber
es ist gleichsam Teil der Wahrheit, dass sich die deutsche Seite in der
Vergangenheit keine entsprechenden Gedanken über eine ungehörige
Übergriffigkeit gemacht hat, als der US-amerikanische Präsident von höchster
Stelle als „Hassprediger“ (so Bundespräsident Steinmeier) bezeichnet wurde
und seine Warnung vor einer zu großen Abhängigkeit von russischem Gas vom
damaligen deutschen Außenminister Maas öffentlich verlacht wurde. Oder als
die Kanzlerin 2019 an der Universität Harvard Donald Trump selbstgerecht in
den Senkel stellte. Meinen
wir wirklich, die eigentlichen Hassprediger sitzen in der US-Administration,
in der gewählten Vertretung einer der größten Demokratien der Welt? Meinen
wir wirklich, wir hätten grundsätzlich bessere, tiefere Erkenntnisse als
unsere amerikanischen Freunde? Der
Zeigefinger ziemt sich nicht, denn drei Finger richten sich dabei auf uns
selbst. Blicke
ich auf die Rede des amerikanischen Vizepräsidenten, höre ich keinesfalls
einen distanzierten, vielmehr höre ich einen entschlossenen Ton. Die Rede war
nicht überraschend, sie formulierte die US-amerikanische Interessenlage in
einer veränderten multilateralen Welt. Und die Rede habe ich auch als Appell
an uns verstanden, manchen Irrweg der vergangenen Zeit endlich zu beenden. Wir
tun also gut daran, nicht gleich in selbstbewusst aussehende, aber faktisch
ängstliche Beißreflexe zu verfallen, wenn kritische Worte an uns
herangetragen werden. In der Politik, noch viel mehr in der Außenpolitik,
geht es um Interessen und den Versuch des Ausgleichs. Es geht nicht um unsere
Gefühle. Wir
sollten uns daher einmal selbst fragen: Was ist an diesen Feststellungen des
amerikanischen Vizepräsidenten dran? Wollen wir hierauf mit selbstgerechtem
Trotz, mit verschränkten Armen und ohne einen Anflug von Selbstzweifeln
reagieren? Stehen wir also immer auf der historisch richtigen Seite, egal was
passiert? Oder wollen wir zumindest einmal versuchen zu lernen, was unsere
Freunde jenseits des Atlantiks von uns denken? Vielleicht liegen unsere
Freunde falsch? Vielleicht können wir die Sorgen ausräumen, etwas gegen
falsche Wahrnehmungen tun? Vielleicht aber treffen sie wenigstens im Ansatz
einen Kern? Und da
stelle ich fest: Die Meinungsfreiheit ist auch aus meiner Sicht in Gefahr.
Wenn 50 Prozent der Deutschen das Gefühl haben, sie könnten ihre Meinung
nicht mehr frei äußern, dann gerät der Grundpfeiler unserer Freiheit ins
Wanken. Wenn
staatliche Akteure erklären, wir müssten auch schon Äußerungen unterhalb der
Strafbarkeitsgrenze verfolgen, dann ist das eine Grenzüberschreitung. Wenn
Meldestellen errichtet werden, die entsprechende Äußerungen dokumentieren,
dann ist das eine Grenzüberschreitung. Wenn
Machtkritik im schlimmsten Falle zur Hausdurchsuchung führt, dann ist das
eine Grenzüberschreitung. Dann
ist auch klar: So dürfen wir nicht weitermachen, sonst stürzt irgendwann
unsere Freiheit ein. Wenn wir uns einig sind, dass wir etwas ändern müssen,
um die Akzeptanz für die Demokratie wieder zu steigern, dann heißt es nicht,
dass wir mehr Unverständnis für andere Positionen äußern sollten, dass wir
noch lauter empört sein sollten oder noch ritualisierter ausgrenzen sollten.
Im Gegenteil. Wir sollten vielmehr im öffentlichen und im politischen Diskurs
endlich wieder Differenzierungen zulassen. Wir müssen die Mittelmäßigkeit der
öffentlichen Debatte wieder zurückdrängen, Schwarz-Weiß-Denken unterlassen
und den Diskurs wieder angstfreier gestalten. Deshalb
muss die Antwort „Akzeptanz“ heißen: Akzeptanz für das Andersartige. Mehr
Toleranz nicht nur für andere Lebensweisen, sondern vor allem für andere
Meinungen. Das Bundesverfassungsgericht stellte hierzu 2017 treffend fest: „Das
Grundgesetz geht davon aus, dass nur die ständige geistige Auseinandersetzung
zwischen den einander begegnenden sozialen Kräften und Interessen, den
politischen Ideen und damit auch den sie vertretenden Parteien der richtige
Weg zur Bildung des Staatswillens ist. Es vertraut auf die Kraft dieser
Auseinandersetzung als wirksamste Waffe auch gegen die Verbreitung
totalitärer und menschenverachtender Ideologien.“ Ich
hoffe, wir sind uns einig: Gemessen an diesem Leitsatz haben wir in unserem
Land selbst viel zu tun. Die
Moralisierung des öffentlichen Raumes führt am Ende zur Ideologisierung des
öffentlichen Raumes. Das ist eine Abkehr von den Leitgedanken der Aufklärung.
Eine Moralisierung führt am Ende zu einer faktischen Banalisierung der
Politik, sie verhindert die Verbesserung des Lebens und die Lösung von
Problemen. Was
haben wir also zu tun? Die
Aufarbeitung der Corona-Politik ist überfällig, das Land hat sich hiervon
noch lange nicht erholt. Nicht nur „die“ Politik ist hier in der Bringschuld,
auch die Gerichte, die Akteure aus der Wissenschaft und der Journalismus
müssen ihr eigenes Tun entschlossen und vor allem selbstkritisch
durchleuchten. Selbstkritik
ist ohnehin etwas, was uns gut anstünde. Wir müssen selbstkritisch sein, dass
die vielen Aktionen gegen „rechts“, die vielen Steuergelder zur Bekämpfung
des Rechtsextremismus, die wir seit Jahren aufwenden, die AfD nicht
verhindert haben. Der Aufstieg der AfD ist vor allem durch eine fehlerhafte
Flüchtlingspolitik begründet, der Mangel an ernsthafter Debatte über die
Gefahren von zu viel ungesteuerter Migration. Und wer heute erklärt, es sei
vordringlich, nach Anschlägen eine Demo gegen rechts zu machen, damit wäre
die Aufgabe des Staatsbürgers erfüllt, der ist nicht mehr von dieser Welt. Wenn
das Gedenken um Terroropfer zurückstehen muss, um die vermeintliche
Instrumentalisierung zu verhindern, dann instrumentalisieren diejenigen
selbst die verständliche Empörung über Mordanschläge, um eigene Machtpolitik
zu betreiben. Etwas Menschenverachtenderes kann ich mir nicht vorstellen.
Denn es geht um unschuldige Menschen, nicht selten Kinder, auf deren Rücken
eine politische Definitionshoheit behauptet werden soll. Wir müssen
ehrlich sein: In der Migrationspolitik seit 2015 haben wir es nie geschafft,
unsere Zielbestimmung zu nennen. Das „Wir schaffen das“ ist das
Ambitionsloseste, was man sich im politischen Raum vorstellen kann. Denn die
Frage „wofür“, wurde nie beantwortet. Und trotzdem war dieser Merkel-Satz die
migrationspolitische Leitlinie für viele – bis heute. Auch
in der Migrationspolitik gilt: Wir müssen unsere Interessen kennen,
definieren und schließlich umsetzen wollen. Die Aussicht, dass es so weiter
geht, dass Kinder in Schulen Scharia-Recht einführen, dass man sich beim
normalen Gang durch den Park nicht mehr sicher fühlt, dass Juden im
öffentlichen Raum bedroht werden, dass schwule Paare No-Go-Areas ausgesetzt
sind, ist nicht meine Vorstellung von Freiheit. Darüber müssen wir endlich
ohne Rücksicht auf politische Partikularinteressen streiten – und Lösungen
finden. Denn
mit Demonstrationen werden wir irgendwann nicht mehr weiterkommen.
Symbolpolitik ist das Gegenteil von Politik, es simuliert Politik, weil sie
nur ein Bild zeichnet, das auf einer Fassade prangt. Zu erklären, man habe
Haltung, führt am Ende zur Frage: Was folgt nun daraus? J D
Vance macht es sich zu einfach, als er die Beteiligung der AfD an politischen
Lösungen anmahnte. Denn das demokratische Prinzip in Deutschland mit seinem
latenten Zwang zur Kompromissfindung in Koalitionen unterliegt anderen Regeln
als das Mehrheitsprinzip im US-amerikanischen demokratischen System. Und
inhaltlich kann die AfD vieles nicht anbieten, was überhaupt diskutabel wäre:
EU-Austritt, Nato-Austritt, Putin-Verherrlichung. Zudem bleibt die AfD in
weiten Teilen eine rechtsextreme Partei – die mit Artikel 1 unseres
Grundgesetzes nicht selten auf dem Kriegsfuß steht. Gerade mit Blick auf
unsere Geschichte und unsere Verfassungsordnung haben wir Grenzen im
politischen Umgang, die ich weiterhin für richtig halte – egal was man in
Washington sagt. Gleichwohl
ist die Diskussion über die „Brandmauer“ oftmals verlogen. Schon deshalb,
weil sie auf kommunaler und Landesebene überhaupt keine Rolle spielt. Wenn
die Regierung Ramelow mehrfach Gesetze nur mit der AfD durchsetzen kann, dann
ist die linke Empörung, man gehe „auf die Barrikaden“, armselig und
heuchlerisch. Im praktischen Alltag ist diese Brandmauer auch durch linke
Parteien durchbrochen. Der Kanzler hatte es doch unlängst erklärt: Wenn der
eigene Vorschlag von der AfD unterstützt wird, wird er dadurch nicht
schlechter. Es bleibt der eigene Vorschlag. Wir
tun gut daran, die Rede des Vizepräsidenten als Anlass zu nehmen, über unsere
eigene Rolle nachzudenken. Selbstverständlich ist es ungehörig, uns in eine
Reihe mit autokratischen Systemen zu stellen – das ist völlig unstrittig.
Doch ich bin der Auffassung, wir müssen tatsächlich eine deutsche und eine
europäische Vision erstreiten, in welchem Land und in welchem Europa wir
leben wollen. Dieser Streit funktioniert nur mit Meinungsfreiheit. Vance
hat aus meiner Sicht hier Recht: Dieses Land und dieses Europa stehen am
Scheidepunkt, nicht zuerst, weil sie herausgefordert werden durch externe
Kräfte, sondern weil wir nicht aktiv und tiefgründig Selbstvergewisserung
betreiben. Weil wir weder wissen, wo wir stehen, geschweige denn wissen,
wohin wir gehen wollen. Das müssen wir ändern, denn nur auf einem eigenen
festen Wertefundament können wir den Herausforderungen der Autoritären
vernünftig entgegenwirken. |