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L i b e r a l e T a g e b u c h
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Sammlung Originaldokumente aus
„Das Liberale Tagebuch“, http://www.dr-trier.de |
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Christian Lindner Solide Finanzen trotz Pandemie und Russland-Krise Tagesspiegel, 13.03.2022. Die Fragen stellten Albert Funk und Georg Ismar: Frage: Herr Minister, nach der Pandemie wirft plötzlich ein Krieg alle Pläne
über den Haufen. Wann genau haben Sie mit Kanzler Olaf Scholz an jenem
Wochenende am 26. und 27. Februar die Verabredung getroffen über ein
100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr? Lindner: Über unsere internen Abstimmungen kann ich keine Auskunft geben. Frage: Es wird später mal für Historiker interessant sein, wer das wann und
wie entschieden hat. Wie wird das eigentlich für die Nachwelt festgehalten? Lindner: Ich mache mir darüber keine Gedanken. Frage: Führen Sie kein Tagebuch? Lindner: Nein, ich führe auch kein Tagebuch. Mich beschäftigt die aktuelle
Krisenbewältigung. Die negativen Auswirkungen auf uns und unsere Wirtschaft
darf man nicht unterschätzen. Der Ärger an der Tankstelle ist da nur ein
kleiner Ausschnitt. Wir müssen Schaden von unserem Land abwenden und unserer
internationalen Verantwortung gerecht werden. Damit bin ich ausgelastet. Frage: Sie haben, noch keine 100 Tage im Amt, bereits auch selbst Geschichte
geschrieben, wollen ein Sondervermögen für die Bundeswehr im Grundgesetz
verankern. Ein Sonderstatus für die Armee, ist das tatsächlich liberales Verfassungsverständnis? Lindner: Die Bundeswehr ist in Artikel 87a Teil des Grundgesetzes. Die Stärkung
unserer Verteidigungsfähigkeit ist angesichts neuer geopolitischer Risiken
eine Priorität. Dabei müssen wir eine langjährige Vernachlässigung rasch
aufholen. Mit den regulären Mitteln der laufenden Haushalte könnte ich das
unmöglich darstellen. Also mussten Alternativen erwogen werden. Denkbar wäre
eine Erhöhung der Steuern oder des Solidaritätszuschlags gewesen. Das kam für
mich nicht infrage, unter anderem weil das die wirtschaftliche Entwicklung
und Arbeitsplätze gefährden würde. Eine weitere Option wäre eine dauerhafte
Aufweichung der Schuldenbremse gewesen. Dann wären aber alle Dämme gebrochen.
Als Finanzminister hätte ich die Kontrolle über die Ausgabenwünsche verloren
und unser Land mittelfristig seine fiskalische Stabilität. Der jetzt gewählte
Weg ist besser. Er erhält die Schuldenbremse für die regulären Haushalte,
schließt Steuererhöhungen aus und mobilisiert schnell strikt zweckgebundene
Mittel für die Bundeswehr. Frage: Sind Sie sicher, dass das Verteidigungsministerium diesen schnellen
Aufwuchs mit Projekten unterlegen kann? Lindner: Es wird dauern, Bündnis- und Landesverteidigung wieder so aufzustellen,
wie das sein muss. Aber damit wird nun begonnen. Dazu muss auch der Auftrag
der Bundeswehr präzisiert, müssen die Strukturen der
Streitkräfte und die Verfahren der Beschaffung gestrafft werden.
Beispielsweise ist es angesichts der Dringlichkeit nicht ratsam, überall eins
zu eins die komplizierten europäischen Ausschreibungsverfahren anzuwenden.
Jetzt, wo es auch um unsere nationale Sicherheit geht, sollte Beschaffung in
einem schnelleren Verfahren gelingen. Frage: Die 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr werden aus Krediten
finanziert. Wegen der Pandemie sind 2020 und 2021 neue Schulden in Höhe von
285 Milliarden Euro angefallen. 100 Milliarden könnten es 2022 werden.
Kreditermächtigungen in Höhe von 60 Milliarden hat die Ampel unlängst an den
Energie- und Klimafonds übertragen. Macht zusammen 545 Milliarden Euro an
neuen Schulden binnen zwei Jahren. Wird Ihnen da nicht schwummrig? Lindner: Die Zahlen habe ich im Blick. Bei der Staatsverschuldung kann und darf
es daher keine ungebremste Fortsetzung geben. Deshalb verteidige ich die
Schuldenbremse in unserer Verfassung. Das ist ein Gebot wirtschaftlicher
Klugheit, weil die Zinsen irgendwann steigen werden. Vielleicht schneller,
als viele denken, wenn man die Inflationsrisiken sieht. Die jüngste
Entscheidung der EZB ruft das in Erinnerung. Außerdem leben wir in einer
alternden Gesellschaft, was die Pro-Kopf- Verschuldung langfristig drückender
machen wird. Insgesamt dürfen wir auf keinen Fall die hohe Glaubwürdigkeit
Deutschlands an den Kapitalmärkten beeinträchtigen. Das ist unsere
fiskalische Rückversicherung für Krisen. Wenn wir zur Schuldenbremse wieder
zurückkehren und wir in den kommenden Jahren wirtschaftliches Wachstum
ermöglichen, dann werden wir zum Ende dieses Jahrzehnts auch das
Maastricht-Kriterium von 60 Prozent Schuldenstand gemessen an der Wirtschaftsleistung
wieder erreichen. Frage: Was wir dieser Tage sehen, ist eine Reihe von Fehleinschätzungen einer
zu gutgläubigen Russlandpolitik und des Sparkurses bei der Bundeswehr. Was
werfen Sie hier Angela Merkel vor? Lindner: Rückwärtsgewandte Betrachtungen helfen niemandem. Deshalb beteilige ich
mich nicht an dieser Debatte. Wir müssen nach vorne schauen. Unsere
Abhängigkeit von Russland bei den Energieimporten müssen wir reduzieren. Das
heißt insbesondere, dass wir die erneuerbaren Energien schneller ausbauen
müssen. Ich habe sie vor dem Hintergrund der Energieunabhängigkeit
Freiheitsenergien genannt. Frage: Wann ist ihnen die Idee für diese vielfach zitierte Wortschöpfung
gekommen? Lindner: Während der Debatte im Bundestag. Damit diese Freiheitsenergien bei uns
ausgebaut werden können, fehlt es nicht an privatem Kapital oder Kenntnissen.
Was wir jetzt endlich brauchen, sind schnellere Planungs- und
Genehmigungsverfahren. Wir müssen aber auch die Festlegung des
Koalitionsvertrages, in der Nordsee den Abbau von Öl und Gas nicht fortsetzen
zu wollen, hinterfragen. Aufgrund der Entwicklung der Weltmarktpreise scheint
dies wirtschaftlicher zu werden. Zumindest für eine Übergangszeit werden wir
Öl und Gas noch brauchen. Frage: Eine verstärkte Öl- und Gasförderung in der Nordsee? Das werden die
Grünen nicht gerne hören. Lindner: Ich halte es vor dem veränderten geopolitischen Hintergrund für ratsam,
ohne Denkverbote die gesamte Energiestrategie unseres Landes zu prüfen. Wir
brauchen auch andere Energieimportquellen. Deutschland wird ein
Energieimportland bleiben. Autarkie bleibt Wunschdenken. Wir brauchen andere
Quellen, also Wasserstoff aus Südeuropa oder Afrika, synthetische Kraftstoffe
aus Südamerika, Flüssiggas über neue Terminals und bessere Verbindungen der
Infrastrukturen innerhalb Europas. Das müssen wir mit Lichtgeschwindigkeit
umsetzen. Die Energiepreise treiben uns. Frage: In der Not rufen jetzt alle nach dem Energiesparen… Lindner: Nur mit dem dicken Pulli werden wir diese Probleme nicht lösen können.
Dazu ist unser Energiebedarf zu groß. Wir haben eine Volkswirtschaft mit sehr
hohem Energieverbrauch. Das hängt mit technischen Verfahren in der Industrie
zusammen. Frage: An der Zapfsäule können die Bürger mit Literpreisen von 2,20 Euro und
mehr jeden Tag die Folgen von Putins Krieg sehen. Wann senken Sie die
Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel von 19 auf sieben Prozent? Lindner: Die hohen Preise besorgen mich. Als Liberaler wollte ich ohnehin die
Belastungen für die arbeitende Mitte senken. Die Dringlichkeit ist größer
denn je. Die klare Zusage ist: Wir lassen die Menschen mit steigenden
Belastungen nicht allein. Wir haben bereits weitgehende Entlastungen auf den
Weg gebracht. Vom steuerlichen Grundfreibetrag, dem Arbeitnehmer-Pauschbetrag
und der damit verbundenen Pendlerpauschale bis hin zur Abschaffung der
EEG-Umlage kommen wir auf fast 16 Milliarden Euro, die wir rückwirkend für
dieses Jahr beschließen werden. Das sind die ersten Maßnahmen. Allerdings
muss man mit einer populären Legendenbildung differenzierter umgehen. Frage: Was meinen Sie? Lindner: Ich möchte nicht, dass der Staat ein Inflationsgewinner wird. Eine
Umverteilung von privat zu Staat wäre nicht fair. Entgegen der Vermutung
vieler wird der Fiskus aber nicht reich durch steigende Spritpreise. Wenn vom
verfügbaren Einkommen eines Haushalts ein höherer Anteil für Sprit
aufgewendet wird, kommt es zu einer Verschiebung der Mehrwertsteuer,
allerdings nicht zu einer Erhöhung des Aufkommens. Die Menschen halten sich
dann an anderer Stelle mit Konsum zurück. Die Energiesteuer auf dem Sprit ist
zudem anders als die Mehrwertsteuer eine Mengensteuer mit festem Satz – rund
65 Cent je Liter Benzin und 47 Cent je Liter Diesel, sodass auch darüber
keine neue Dynamik entsteht. Wenn wir hier die Steuer reduzieren, um einen
gestiegenen Weltmarktpreis aus sozialen Gründen auszugleichen, dann ist dies
eine echte Entlastung, die finanziert werden muss. Frage: Also noch mal die Frage: keine
Mehrwertsteuersenkung als Spritpreisbremse? Lindner: Wenn die Union eine sogenannte Spritpreisbremse fordert, dann muss sie
sagen, was sie im Haushalt kürzen will. Oder sie muss bekennen, dass sie
dafür neue Schulden aufzunehmen bereit ist. Vor dieser Klarheit hätte ich
Respekt, aber leider bleibt die Union die Antworten schuldig. So leicht kann
ich es mir als Bundesfinanzminister nicht machen. Deshalb gehe ich nicht mit
halben Konzepten an die Öffentlichkeit. Frage: Die Debatte ist inzwischen sogar bei autofreien Sonntagen und einem
Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen angelangt, das hatten wir in der
Ölkrise 1973/1974 auch für ein halbes Jahr. Aber so was stößt sich dann mit
dem Freiheitsideal der FDP, oder? Lindner: Ihre Frage verkennt die Dimension des Problems, vor dem wir stehen. Frage: Es geht jetzt aber um viele kleine, auch vorübergehende Schritte, um
die Abhängigkeit von Putins Öl zu mindern und Geld zu sparen. Lindner: Angesichts der hohen Spritpreise gibt es einen natürlichen Impuls,
weniger zu verbrauchen. Wir haben einen Krieg in Europa, von dem nicht nur
menschliches Leid ausgeht, sondern auch massive Versorgungsrisiken.
Symbolische Debatten muss ich da anderen überlassen. Frage: Es gibt auch in der FDP Stimmen wie von Marie- Agnes Strack-Zimmermann,
die fordern, es brauche bei allen Verwerfungen hierzulande einen Öl- und
Gasboykott, um nicht weiter Putins Kriegskasse mit Milliarden aus Deutschland
zu füllen. Die USA gehen hier bereits voran. Lindner: Die USA haben ihre Boykottentscheidung ausdrücklich mit dem Hinweis
versehen, dass damit keinerlei Erwartungshaltung an die Europäische Union
verbunden ist, weil die Versorgungssituation hier fundamental anders ist. Uns
muss es darum gehen, maximalen Druck auf Russland aufzubauen und zugleich
unsere strategische Durchhaltefähigkeit möglicherweise sehr lange
aufrechtzuerhalten. Deshalb sollte von unserer Seite die Energieversorgung
nicht ohne Not infrage gestellt werden. Wir haben das System Putin durch
Sanktionen massiv getroffen. Insbesondere die Maßnahmen, die sich gegen die
Zentralbank richten, haben die russische Wirtschaft auf Talfahrt geschickt, den
Rubel entwertet und russische Staatsanleihen auf Ramschniveau gebracht.
Solche Maßnahmen müssen wir verstärken, weil sie unsere Position gegenüber
Russland verbessern. Maßnahmen, die unsere Position mittelfristig schwächen:
Davon rate ich ab. Frage: Sie sagen, Sanktionen müssten lange bestehen bleiben – es geht also
nicht nur um kurzfristige Maßnahmen? Lindner: Zur konkreten Dauer von Sanktionen habe ich nichts gesagt, aber sie
müssen potenziell sehr lange aufrechterhalten werden können. Man kann nicht ausschließen,
dass wir jetzt 1989 mit umgekehrten Vorzeichen erleben. Damals war es der
Fall des Eisernen Vorhangs, jetzt geht es wieder um eine neue Teilung
Europas, mindestens in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht. Frage: Sie haben als Sanktionsmöglichkeit auch Kryptowährungen
ins Gespräch gebracht. Ist das nicht ein viel zu geringer Aspekt, um wirksam
zu sein? Lindner: Darauf hat man sich inzwischen international verständigt. Im Zuge der
weiteren Verstetigung und Präzisierung der Sanktionspakete geht es darum,
mögliche Umgehungen zu unterbinden. Aus diesem Grund sind wir dafür, auch
belarussische Akteure unter das Sanktionsregime zu nehmen und Kryptowerte ebenfalls zu untersuchen. Frage: Was auf ein Problem dieses Phänomens der Digitalisierung hinweist: Es
geht hier um Parallelwährungen, die gern von Kriminellen genutzt werden und
auch von Sanktionsbrechern. Lindner: Ich spreche eher von Kryptowerten, denn es
handelt sich nicht um Währungen. Kryptowerte sind
auch aufgrund ihrer enormen Volatilität potenziell geeignet, das
Weltfinanzsystem zu destabilisieren. Deshalb ist das ein Thema für die
deutsche Finanzpolitik, auch im internationalen Kontext der G7-Staaten. Ich
bin ein absoluter Freund des bargeldlosen Zahlens und der Digitalisierung.
Ich halte es auch für sinnvoll und notwendig, dass wir baldmöglichst
digitales Zentralbankgeld bekommen, also den digitalen Euro. Das ist aber zu
trennen von Krypto-Assets, die als Währungsersatz
verwendet werden. Währungen kann man nicht privatisieren. Frage: Inflation galt vor einigen Wochen noch als vorübergehendes Problem. Nun
droht uns wegen des Ukraine-Kriegs noch eine Weltwirtschaftskrise. Was
bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Zinspolitik, muss die Europäische
Zentralbank weiterhin einen lockeren Kurs fahren? Sie ist ja noch nicht
richtig gesprungen, im Gegensatz zur amerikanischen Notenbank, der Fed. Lindner: Die Ausgangslagen sind unterschiedlich. Wir haben in den Vereinigten
Staaten über einige Jahre eine enorm expansive Fiskalpolitik gesehen, was die
inflationäre Entwicklung getrieben hat. Bei uns gehen inflationäre Tendenzen
dagegen stärker auf Lieferkettenprobleme während der Pandemie und den Anstieg
der Energiepreise zurück. Aber man kann nicht übersehen, dass es auch im
Euroraum inflationäre Risiken darüber hinaus gibt. Deshalb ist die Situation
für die Europäische Zentralbank herausfordernd. Es ist nachvollziehbar, dass
EZB-Präsidentin Christine Lagarde schneller das Anleihenkaufprogramm modifizieren will, so- dass wieder
Handlungsfähigkeit besteht für mögliche Zinsschritte. Das verstärkt zugleich
die Verantwortung der Regierungen, ihrerseits mehr zu tun für das
wirtschaftliche Wachstum. Denn die Notenbank wird die geldpolitischen Anreize
für Wachstum mittelfristig reduzieren. Frage: 100 Tage ist die Koalition am 18. März im Amt. Ein Krieg stand nicht im
Koalitionsvertrag, schweißt die Lage drei sehr unterschiedliche Partner
zusammen? Lindner: Die Zusammenarbeit ist professionell und so vertraulich wie
vertrauensvoll. Dass die Partner in der Ampelkoalition aus verschiedenen
politischen Richtungen kommen, ist klar. Aber die Regierung ist voll
handlungsfähig und besitzt einen inneren Zusammenhalt. Das ist ein guter
Grund, warum die Menschen uns in dieser Krise auch vertrauen können. Wer
hätte jemals geglaubt, dass wir innerhalb der ersten 100 Tage ein großes
Entlastungspaket schnüren von über 15 Milliarden Euro? Und wer hätte gedacht,
dass die Ampel einmal die Koalition sein wird, welche am schnellsten und
umfänglichsten unsere Verteidigungsfähigkeit stärkt? Frage: In allen Krisen stecken auch Chancen. Jetzt zum Beispiel für das
Auflösen von Widerständen beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Was ist noch
ein Effekt des russischen Überfalls auf die Ukraine, der vielleicht so nicht
möglich gewesen wäre? Lindner: Es gibt einen neuen Geist in der Europäischen Union, der Nato und im
Kreis der G7-Staaten. Es ist durch Putins Krieg wieder klar, warum es diese
Bündnisse und Gemeinschaften gibt. Weil wir dieselben Werte von Demokratie
und Rechtsstaat teilen. |