L i b e r a l e N o t i z e n
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Sammlung Originaldokumente in http://www.liberale-notizen.de |
Christian Lindner:
„Jeden Tag ohne
FDP in der Regierung würde lautstark über neue Steuern diskutiert werden“
27. Mai 2022 Der
FDP-Bundesvorsitzende und Bundesminister der Finanzen gab dem „FOCUS Magazin“
das folgende Interview. Die Fragen stellten Franziska Reich und Thomas
Tuma: Frage: Herr Lindner,
was macht Ihnen am meisten Angst: A) Die Verschwendungssucht im Kabinett? B)
Die Aufmüpfigkeit Ihrer Partei? C) Die Inflation? Lindner: Ich habe keine
Angst, aber meine größte Aufmerksamkeit gilt derzeit der Inflation. Frage: Deutschland
erlebt die rasanteste Geldentwertung seit 40 Jahren. 7,4 Prozent. Ist die
Lage dramatisch? Lindner: Wir müssen
alles unternehmen, um eine Stagflation zu verhindern … Frage: … also
steigende Preise bei ausbleibendem Wachstum. Lindner: Wenn sich das
verfestigt, würde eine im Alltag spürbare Wirtschaftskrise drohen. Betroffen
wäre von der Rentnerin bis zum Handwerksmeister die Breite der Gesellschaft.
Deshalb müssen wir mit scharfer Konsequenz reagieren. Frage: Und wie? Lindner: Wir müssen
erstens den Druck von den Preisen nehmen. Immer neue Subventionen vom Staat
treiben die Entwicklung. Zweitens müssen wir die betroffenen Menschen gezielt
entlasten. Drittens müssen wir den Staat aus der Schuldenwirtschaft befreien.
Außerdem bin ich mir sicher, dass die sehr unabhängige Europäische
Zentralbank ihrer sehr großen Verantwortung gerecht wird … Frage: … also endlich
die Leitzinsen anhebt? Lindner: Die Inflation
wurde nicht zuerst von der Geldpolitik befeuert. Aber der Wert des Euro
verändert sich gegenüber dem Dollar. Die USA haben ihre Leitzinsen angehoben.
Das hat Auswirkungen. Als Finanzminister achte ich die Unabhängigkeit der
EZB, aber Staaten wie Notenbanken kann man nur machtvolles Auftreten statt Zögerlichkeit empfehlen. Frage: Können Sie denn
sicher sein, dass hoch verschuldete Euroländer von höheren Leitzinsen nicht
existenziell bedroht wären? Lindner: Kurzfristig ist
diese Gefahr kalkulierbar. Damit es kein langfristiges Risiko gibt, müssen
wir überall die Ära expansiver Finanzpolitik und schuldenbasierter
Hilfsprogramme beenden. Der Staat kann nicht dauerhaft Wohlstand auf Pump
subventionieren. Wir müssen wieder lernen, mit dem Geld zu arbeiten, das die
Menschen uns zur Verfügung stellen. Wirtschaftspolitik darf sich nicht in
Reißbrettplanungen der Transformation erschöpfen, die mit Staatsgeld
herbeigefördert werden soll. Frage: Mal ehrlich:
Inflation ist doch gut für Sie als Finanzminister! Auch die Schulden werden
entwertet. Lindner: Ein populärer
Irrtum. Der Staat kann nur einen Einmaleffekt am Anfang einer Inflation
verzeichnen. Danach zahlt er wie alle anderen die gestiegenen Zinsen und
Preise – für Personal, Leistungen, Güter. Frage: Viele Fachleute
prophezeien mittlerweile, dass diese Krise lange andauern wird. Lindner: Bei unserem
G7-Treffen in Bonn haben uns die Experten vor allem einen Rat gegeben: Je
beherzter wir jetzt vorgehen, desto größer ist die Hoffnung, dass wir nicht
in eine Phase lang anhaltender Geldentwertung schlittern. Frage: Die Deutschen
beunruhigt gerade die Inflation mehr als der Krieg in der Ukraine – zu Recht? Lindner: Beides hängt
zusammen: Die gegenwärtige wirtschaftliche Zuspitzung hat ihren Ursprung im
Einmarsch Russlands in die Ukraine. Frage: Wobei die
Inflation im Euroraum schon vorher hoch war. Lindner: Das stimmt.
Allerdings war nach Corona eine Erholung zu erwarten – bis zum Ukraine-Krieg.
Die Preise auf den Energie- und Lebensmittelmärkten werden bis auf Weiteres hoch bleiben. Frage: Die Senkung der
Mehrwertsteuer würde die Menschen etwas vom Druck befreien? Lindner: Nein. Man kann
gegen steigende Weltmarktpreise nicht auf Dauer ansubventionieren.
Wir haben zwar die künstliche Verteuerung von Kraftstoffen durch die
Energiesteuer für drei Monate ausgesetzt. Das ist aber nur eine befristete
Senkung einer Mengensteuer, die einen fixen Satz pro Liter hat. Der richtige
Weg ist, direkt bei der Besteuerung von Einkommen zu entlasten. Im Blick
haben müssen wir zudem Menschen, die auf Transferzahlungen angewiesen sind,
denn sie haben am wenigsten Spielraum. Frage: Also Hartz IV
erhöhen? Lindner: Der Regelsatz
orientiert sich an einem Warenkorb. Werden die Waren teurer, ändert sich der
Regelsatz. Vor allem müssen wir das Steuersystem als Instrument begreifen, um
Inflation zu dämpfen. Frage: Inwiefern? Lindner: Wenn der BurdaVerlag seinen Focus-Redakteuren ein höheres Gehalt
zahlt, das aber nicht mal den inflationsbedingten Verlust von Kaufkraft
ausgleicht, dann darf der Staat da nicht zugreifen. Frage: Diese
sogenannte kalte Progression wollen Sie verhindern? Lindner: Ich habe immer
gesagt: Die kalte Progression ist eine Steuererhöhung durch Unterlassung.
Deshalb haben wir rückwirkend zum 1. Januar die Einkommensteuer gesenkt. Der
Grundfreibetrag wird erhöht ebenso wie der Arbeitnehmer-Pauschbetrag. Frage: Gerade haben
Sie Ihren ersten Haushalt vorgelegt: 140 Milliarden Euro neue Schulden. Plus
100 Milliarden Sondervermögen für die Bundeswehr. Wie fühlt es sich an, einen
solchen Berg zu verantworten? Lindner: Ich habe
mir nicht abgewöhnt, ein mulmiges Gefühl zu haben bei jeder Milliarde neuer
Ausgaben. Ebenso wie bei jeder Milliarde neuer Schulden. Trotzdem kann ich
die Menschen beruhigen: Unsere Finanzen sind solide und unter Kontrolle. Wir
machen nur Schulden, wo es anders nicht geht – zum Beispiel um die jahrelange
Vernachlässigung der Bundeswehr schnell zu beheben. Mein Ziel ist, dass wir
den Ausnahmezustand im nächsten Jahr hinter uns lassen. Frage: Wenn Sie 2023
die Schuldenbremse wieder einhalten wollen, darf Ihre Neuverschuldung bei
nicht mal acht Milliarden Euro liegen – Wunsch oder Versprechen? Lindner: Realistisches
Szenario. Das werden Sie noch vor der Sommerpause erleben. Frage: Klingt wie eine
Drohung. Wie wollen Sie das Geld derart radikal umschichten? Lindner: Wir müssen die
Vorhaben der Ampelkoalition priorisieren. Nicht alles lässt sich sofort
umsetzen. Wir befinden uns bereits jetzt in der Konsolidierungsphase. Die
ökonomische Zeitenwende bereite ich vor. Frage: Heißt? Lindner: Wenn wir den
Haushalt 2023 besprechen, dann kommt die wirkliche Formung dieser Koalition.
Ein Koalitionsvertrag ist ja unkonkret, und die ersten Monate waren geprägt
von Krisen. Bei Wünschen nach Mehrausgaben muss ich nun antworten: Verschaff
mir Deckung! Die Schuldenbremse gilt. Frage: Sie streichen
also schon gedanklich Projekte der Ampel? Lindner: Leider ist bisher
nicht bei allen Kolleginnen und Kollegen im Kabinett ausreichend
verinnerlicht, dass wir nicht weiterwirtschaften können wie bisher. Das wird
ein Erweckungsmoment für uns alle sein, den … Frage: … Sie gern
verschaffen? Lindner: … wir uns
gemeinsam erarbeiten. Ich bin an die Verfassung gebunden. Wir haben uns auf
einen Koalitionsvertrag verständigt, aber es gilt zuerst das Grundgesetz. Wir
müssen in dieser Situation ohnehin im Haushalt auf all das verzichten, was
die Inflation eher verstärkt. Frage: Zum Beispiel? Lindner: In Zeiten
steigender Baustoffpreise und knapper Fachkräfte würden etwa Subventionen für
Neubau-Immobilien die Preise nur befeuern. Ähnliches gilt bei Kaufprämien für
Elektrofahrzeuge und vielem anderen. Was den Haushalt zusätzlich entspannen
wird: Spätestens nächstes Jahr sollen und müssen große Summen an bisherigen
Mehrausgaben rund um Corona wegfallen. Auf kostenfreie Bürgertests sollten
wir schon dieses Jahr verzichten. Frage: Sie versprechen
also weiterhin, dass es mit Ihnen weder Steuererhöhungen noch eine Aufhebung
der Schuldenbremse geben wird? Lindner: Beides gilt,
ja. Und ich nenne noch einen dritten Punkt: Es wird mit mir keine
Vergemeinschaftung von Schulden auf europäischer Ebene geben. Frage: Wenn Sie bei
Deutschland Fieber messen könnten: Welche Temperatur würden Sie erwarten? Lindner: Eine große
Mehrheit der Menschen ist verantwortungsbewusst und geht gefasst, ja geradezu
duldsam mit den Herausforderungen um. Zugleich wächst aber der Druck, der
sich aufgrund einer allgemeinen Unzufriedenheit neuerdings auch aus der Mitte
der Gesellschaft artikuliert. Frage: Flogen auch bei
Ihnen schon Eier? Lindner: Das nicht. Aber
Pfeifkonzerte wie zuletzt im Wahlkampf habe ich nie zuvor erlebt. Offenbar
haben ja viele „Querdenker“ recht schnell umgeschult von Impfgegner zu
Putin-Freund. Frage: Liegt das
vielleicht auch daran, dass die Menschen diese Gesellschaft zunehmend
ungerecht finden? Lindner: Wir haben
sicher ein Gerechtigkeitsproblem, das ich vor allem bei erschwerten
Aufstiegschancen sehe. Aber das ist gar nicht der Auslöser, an dem sich seit
geraumer Zeit so viel entzündet. Teile der Mittelschicht werden ja nicht
deshalb so laut, weil sie plötzlich bedürftig geworden sind. Eher sehen sie
ihre traditionelle Lebensweise infrage gestellt durch Vorwürfe und
vermeintliche Alternativen eines bestimmten städtischen Milieus. Da fühlen
sich manche in einem Rechtfertigungszwang, der weder nötig noch hilfreich
ist. Frage: An welche
Vorwürfe denken Sie da konkret? Lindner: Wir sehen doch
eine immer größere Diskrepanz zwischen den Menschen, die in der Stadt und
denjenigen, die auf dem Land leben. Da fehlt oft das
Verständnis und auch eine gewisse Toleranz für die Bedürfnisse der anderen. Frage: Ginge es
gerechter zu, wenn Sie etwa die hohen Gewinne aktueller Krisenprofiteure, wie
der Mineralölkonzerne, stärker abschöpfen? Lindner: GegenFrage: Sind Sie der Meinung, dass die Produzenten von
Corona-Impfstoffen, knappen Halbleitern, Solar- oder Windenergie höher
besteuert werden sollten? Auch Letztere fahren zurzeit sehr hohe Gewinne ein.
Da verstummen im Lager der Linken oder Grünen dann doch schnell alle
Forderungen. Frage: Gefühlt nehmen
aber gerade die Mineralölkonzerne alles mit, was sie kriegen können. Lindner: Nach Gefühl
sollte man nicht Steuerpolitik machen. Wenn es ungerechtfertigte Gewinne
aufgrund von Machtmissbrauch am Markt gibt, dann wird sich mein Kollege
Robert Habeck darum kümmern. Er ist für das
Bundeskartellamt und die Markttransparenzstelle zuständig. Niemand wird Herrn
Habeck vorwerfen, dass er die Mineralölkonzerne
schonen will. Er hat mich da an seiner Seite. Frage: Er scheint
gerade sehr viele an seiner Seite zu haben. Der Grüne wird für seine
ideologischen Kehrtwenden als authentisch gelobt. Wenn Sie dagegen neue
Milliardenschulden aufnehmen, gelten Sie als Umfaller. Ist Politik unfair? Lindner: Ich kann nicht
erkennen, dass Herr Habeck sich vom Ziel eines
klimaneutralen Deutschlands verabschiedet hätte. Im Gegenteil, mit seinem
Osterpaket hat er die Agenda seiner Partei sogar forciert, was nun aber im
Bundestag noch genau auf die wirtschaftlichen Belastungen und das
physikalisch Machbare diskutiert wird. Ich habe meine Grundsätze ebenfalls
nicht verändert. Frage: Sind Sie
manchmal neidisch auf Habecks aktuelle
Sympathiewerte? Lindner: Neid ist mir
fremd. Und: Ich vergleiche mich oder die FDP nicht mit anderen. Die FDP
sollte sich ausschließlich an sich selbst messen. Wir sind keine Volkspartei,
sondern Anwalt für Menschen, die einen ganz speziellen Blick auf das Leben
haben. Die Individualität, Leistungsfreude, Eigenverantwortung und Toleranz
gegenüber anderen im Blick haben. Deshalb vergleiche ich die heutigen
FDP-Ergebnisse mit denen vor vier, acht oder zwölf Jahren. Mein Ziel ist
nicht die Kanzlerkandidatur wie vielleicht bei Frau Baerbock
und Herrn Habeck. Ich will, dass die FDP
zweistellig wiedergewählt wird. Das wäre ein Erfolg. Frage: … nach den
letzten Landtagswahlergebnissen zu urteilen, aber auch noch ein langer Weg … Lindner: Ich denke
gelegentlich an 2017, als wir im Bund die Jamaikakoalition abgelehnt haben.
Viele haben damals gesagt: Das ist ein schwerer Fehler, ihr müsst Kompromisse
machen. Damals habe ich schon prophezeit, dass dieselben Leute dereinst
kritisieren, wenn wir Kompromisse in einer Koalition machen. Deshalb habe ich
da starke Nerven. Erfolg entscheidet sich nicht auf der Kurzstrecke. Es geht
immer um die Langstrecke. Frage: Sie sind der
Einzige im Kabinett, der zugleich Parteichef ist. Vorteil oder Problem? Lindner: Ich sehe es als
Vorteil. Die Ampel war ja eigentlich die unwahrscheinlichste
Koalitionsoption. Unsere Vorstellungen waren alles andere als deckungsgleich.
Und sie kam ausschließlich deshalb zustande, weil die CDU unfähig und die CSU
unwillig war, einen neuen Jamaikaversuch zu starten. Deshalb ist es sogar
besonders wichtig, dass ich als Parteivorsitzender und Finanzminister genau
gucken kann, dass wir die politischen Vorhaben umsetzen, die wir unseren
Wählern zugesagt haben, und zugleich dort Grenzen zu setzen, wo wir liberale
Grundüberzeugungen verletzt sehen. Frage: Sie sehen sich
nicht als Wendehals, sondern als Last Man Standing? Lindner: Ich mache
einfach meinen Job. Dabei sehe ich, dass SPD und Grüne im Gegensatz zu uns
nahezu alles staatlich regeln wollen. Sie wollen massive Umverteilung
organisieren, gern mit Verboten operieren und am liebsten auf alles höhere
Steuern setzen. Das sehen wir anders. Frage: Wenn Sie Ihren
Kurs die ganze Legislaturperiode über beibehalten wollen, wird das ein Knochenjob. Lindner: Das schreckt
mich nicht: Ich habe auch schon vier Jahre außerparlamentarische Opposition
ausgehalten. Frage: Sie sind also
Schmerzen gewöhnt? Lindner: Was heißt
Schmerzen? Mir macht meine Aufgabe jeden Tag große Freude. Fakt ist aber:
Jeden Tag ohne FDP in der Regierung würde dort lautstark über eine
Aufweichung der Schuldenbremse und neue Steuern diskutiert werden. Man muss
doch nur in die Zeitung schauen: Jeden Tag wird die Verhinderung von
Steuererhöhungen und Staatsverschuldung von SPD und Grünen infrage gestellt.
Ich bin auch sicher, wir säßen hier noch mit Masken, wenn es nur nach den
Grünen und Herrn Lauterbach gegangen wäre. Frage: Klingt alles
längst nicht mehr so harmonisch wie zu Beginn der Ampel. Lindner: Es ist immer
noch eine vertrauensvolle und vertrauliche Zusammenarbeit. Aber glauben Sie
wirklich, dass die Koalitionsverhandlungen harmonisch verlaufen sind? Nur
weil die Hauptstadtmedien nicht viel davon erfahren haben?! Frage: Sehnen Sie sich
manchmal nach Friedrich Merz? Lindner: Nein. CDU/CSU
bringen es fertig, vormittags Subventionen im dreistelligen Milliardenbereich
zu fordern und am Nachmittag zu klagen, dass die Schulden zu hoch seien.
Diese Union handelt gegenwärtig nach Oppositionshandbuch 1.0 mit ganz
einfachen Texten: zu wenig oder zu viel, zu schnell oder zu langsam. Neue
Ideen sehe ich nicht. Beide Parteien scheinen mir noch auf
Orientierungssuche. Frage: Orientierung
scheint manchmal auch dem Kanzler zu fehlen. Stehen Sie ihm inzwischen so
nahe, dass Sie ihn anrufen könnten mit dem Rat: „Jetzt fahr doch mal nach
Kiew!“ Lindner: Der Kanzler
braucht keine Ratschläge von mir. Ich habe ein kollegiales Verhältnis zu Olaf
Scholz, auch weil ich nie etwas aus bilateralen Gesprächen erzähle. Ich halte
es im Übrigen nicht für ein Problem, wenn sichtbar wird, dass die FDP andere
Positionen hat als die SPD. Die FDP hat sich klar und früh für die Lieferung
von schweren Waffen ausgesprochen. Es gibt nun mal unterschiedliche
Perspektiven. Wir sind eine Koalition eingegangen, keine Fusion. Frage: Was hat sich
für Sie mit dem Amtsantritt am stärksten verändert? Lindner: Ganz klar: die
internationale Komponente. Bisher war ich ein deutscher Politiker und habe
mich im deutschen Umfeld bewegt. Heute finden 30 Prozent meiner Arbeit auf
Englisch statt. Auf internationaler Bühne spreche ich zudem nicht für mich,
sondern für die Bundesrepublik, also auch für jene, die mich nicht gewählt
haben. Es kostet viel Vorbereitung und Nachdenken, um das Richtige zu tun. Frage: Und gerade in
diesem Jahr hat Deutschland auch noch die Präsidentschaft bei den G7. Lindner: Wenn ich es mir
hätte aussuchen können, hätte ich nicht Finanzminister und gleichzeitig
Präsident aller G7-Finanzminister werden müssen. Frage: Zwischendurch
steht noch ein weiteres Großprojekt an: Am 7. Juli heiraten Sie die
TV-Moderatorin Franca Lehfeldt – nun doch nicht in
der Toskana, sondern auf Sylt. Warum im Norden? Lindner: Zu privaten
Dingen sage ich nichts. Frage: Kann man als
Paar, das so sehr in der Öffentlichkeit steht, das Private überhaupt
schützen? Lindner: Ja. Ich trenne
seit vielen Jahren sehr klar, was ich in meinen Ämtern tue und was privat.
Auch weil ich weiß, dass ich Gegenstand von Auseinandersetzungen bin und die
linksgrüne Community auf Twitter sich durch manche meiner Positionen
provoziert fühlt. Aus diesen Kontroversen will ich Familie und Freunde
raushalten. Frage: Hat sich das
Verhalten der Menschen Ihnen gegenüber verändert, seit Sie das Amt angetreten
haben? Lindner: Nein, gar
nicht. Der einzige Unterschied ist, dass ich im Bundestagswahlkampf noch
vollkommen allein unterwegs war. Heute schützt der Staat das Amt, weshalb
immer Sicherheitsbeamte dabei sind. Frage: Hatten Sie je
das Gefühl: „Jetzt reicht’s mir! Jetzt hör ich auf“? Lindner: Nie! Meine
ganze Leidenschaft gilt der Politik. Deshalb bewerbe ich mich um ein Mandat,
jedes Mal mit meiner ganzen Kraft. Wer klagt, wie schrecklich alles sei, der
soll die Aufgabe einem anderen übertragen, der seine ganze Motivation daraus
schöpft. Bei mir ist das so. |