L i b e r a l e N o t i z e n
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Es ist unsere zivilisatorische
Verpflichtung, schutzsuchende Menschen aufzunehmen 07.03.2022 Christian Lindner, Interview mit dem Redaktionsnetzwerk
Deutschland. Die Fragen stellten Kristina Dunz und
Tim Szent-Ivanyi: Frage: Herr
Lindner, wissen Sie, von wem dieses Zitat aus dem Jahre 2017 stammt? „Um ein
Tabu auszusprechen: Ich befürchte, dass man die Krim zunächst als dauerhaftes
Provisorium ansehen muss.“ Lindner: Von mir. Frage: Ihnen war
damals ein Kuschelkurs gegenüber Russland vorgeworfen worden. Waren Sie ein
Putin-Versteher? Lindner: Im
Gegenteil. Die Interpretation meiner Position war schon damals falsch. Vor
dem Ukraine-Krieg habe ich zudem jeden Sonntag an die Inhaftierung von Alexej
Nawalny erinnert, um die Opposition gegen Putin zu
bestärken. Das ist nun aktueller denn je. Frage: Russland
ist mit weitreichenden Sanktionen belegt worden. Welche Eskalationsstufen
stehen noch zur Verfügung? Lindner: Die
Abkopplung der russischen Zentralbank vom globalen Finanzsystem unterbindet
Geldflüsse in Putins Kriegskasse. Wir arbeiten zudem an weiteren Maßnahmen.
Insbesondere die Unterstützer von Wladimir Putin muss man mit Sanktionen
belegen. Wir werden nicht zulassen, dass die Oligarchen bei uns ein Leben in
Freiheit genießen mit einem Vermögen, das sie als Unterstützer Putins dem
russischen Volk geraubt haben. Frage: Wie soll
das verhindert werden? Lindner: Wir
werden alle Möglichkeiten des Rechtsstaates nutzen, dazu gehören
Einreisesperren und das Einfrieren von Vermögen. Ich spreche bewusst vom
Rechtsstaat, denn unsere Antwort auf den Völkerrechtsbruch sind Mittel des
Rechts. Auch das macht den Unterschied zwischen uns und Putin aus. Da
schließen wir auch alle Umgehungsmöglichkeiten. Frage: Von
welchen Schlupflöchern im Finanzsystem sprechen Sie? Lindner: Gegenwärtig
haben die Behörden keine Anzeichen für eine Umgehung. Wir haben im Kreis der
G7-Staaten und in der EU veranlasst, dass dabei auch Kryptowerte
im Blick behalten werden. Frage: Kryptowährungen sind allerdings
dezentral organisiert. Wie können sie blockiert werden? Lindner: Zu
technischen Fragen möchte ich mich aus Sicherheitsgründen nicht äußern. Frage: Die
Sanktionen treffen auch die deutsche Wirtschaft. Wird es Hilfen für die
betroffenen Unternehmen geben? Lindner: Die
Solidarität mit der Ukraine ist überwältigend. Die Sanktionen treffen das
System Putin. Wir bemühen uns, die negativen Auswirkungen auf uns zu
begrenzen. Unsere wirtschaftliche Stabilität und Stärke sind ja ein Vorteil,
weil wir länger durchhalten können als er. Denkbar sind gezielte Hilfen für
Unternehmen, die in ihrer Existenz gefährdet sind. Entgangene Gewinne werden
wir aber nicht ausgleichen können. Frage: Als Folge
des Kriegs haben die Energiepreise einen erneuten Sprung gemacht, ein Ende
ist nicht abzusehen. Muss die Koalition bei den Entlastungsmaßnahmen nicht
nachlegen? Lindner: Man muss
festhalten, dass wir Entlastungen beschlossen haben, die die
Vorgängerregierung nicht geplant hatte und die der Ampel niemand zugetraut
hat. Bedürftige bekommen beispielsweise einen Heizkostenzuschuss. Die
arbeitende Mitte wird bei der Steuer durch eine Erhöhung von
Pendlerpauschale, Grundfreibetrag und Arbeitnehmerpauschbetrag entlastet.
Zudem entfällt von der Rentnerin über die Familie bis zum Handwerk die
EEG-Umlage. Über alles Weitere wird zum kommenden Jahr entschieden. Frage: Also
keine weiteren kurzfristige Maßnahmen? Lindner: Wir
werden im Sommer die Entwicklung prüfen. Dann wird es einen fairen Vorschlag
geben, wie sich im Jahr 2023 der Regelsatz der Grundsicherung, der
steuerliche Grundfreibetrag und der Steuertarif entwickeln müssen. Ich muss
aber sagen: Die steigenden Preise für den Import von Energie machen unser
Land insgesamt ärmer. Das kann man kurzfristig dämpfen und sozial
ausbalancieren, aber das kann der Staat nicht dauerhaft ausgleichen. Der
Staat kann nur das verteilen, was vorher an Wohlstand erwirtschaftet worden
ist. Frage: Die
Bundesregierung will mit einem Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro
die Bundeswehr auf Vordermann bringen. Wer hatte die Idee dazu, Sie oder
Kanzler Scholz? Lindner: Für einen
sozialdemokratischen Bundeskanzler war es eine bemerkenswerte
Führungsentscheidung, die schnellsten und höchsten Aufwüchse der
Verteidigungsausgaben zu beschließen. Der Unterstützung der FDP konnte er
sich sicher sein, denn wir waren dieser Auffassung schon länger. Was die
Umsetzung betrifft, ist es meine Aufgabe als Finanzminister, Optionen
aufzuzeigen. Denkbar wäre gewesen, den Solidaritätszuschlag massiv zu
erhöhen. Das hätte die wirtschaftliche Erholung massiv beschädigt. Auch eine
dauerhafte Aufweichung der Schuldenbremse musste man ausschließen, weil wir
wieder fiskalische Reserven aufbauen müssen. Der Weg über ein streng an den
Zweck gebundenes Sondervermögen ist der beste. Frage: Warum der
Betrag von 100 Milliarden Euro? Lindner: Bereits
vor dem Ukraine-Krieg war meine interne Planung, den Verteidigungsetat
oberhalb von 50 Milliarden Euro zu finanzieren. Die Höhe des Sondervermögens
ergibt sich aus dem notwendigen Betrag, um in der Finanzplanung jedes Jahr
die Mittel zur Erreichung des Nato-Ziels von 2 Prozent der
Wirtschaftsleistung zu erreichen. Auch interne Schätzungen zum
Modernisierungsbedarf bestätigen die Größenordnung. Deutschland soll die
wirksamste Armee in Europa haben. Sie soll niemals eingesetzt werden müssen,
sondern der Abschreckung dienen. Aber jeder muss wissen, dass wir fähig sind,
unser Bündnisgebiet zu verteidigen. Frage: In der
Zeit der großen Koalition ist er Wehretat von 30 auf 50 Milliarden
angewachsen und trotzdem ist die Bundeswehr in einem desolaten Zustand.
Müssen Sie als Finanzminister nicht Sorge haben, dass da wieder Milliarden
versickern, ohne dass etwas Vernünftiges auf die Beine gestellt wird? Lindner: Man muss
hinzufügen, dass die frühere Bundesregierung den Verteidigungsetat jetzt
wieder unter 50 Milliarden Euro hätte sinken lassen. Richtig ist, dass wir Auftrag,
Strukturen und Verfahren der Bundeswehr auf den Prüfstand stellen müssen. Frage: Die Union
hat für Ihre Zustimmung zur erforderlichen Grundgesetzänderung für das
Sondervermögen bereits Forderungen gestellt. Gehen Sie darauf ein? Lindner: Die Forderungen,
die ich kenne, stellen kein Problem für eine Einigung dar. Frage: Im
Koalitionsvertrag ist festgelegt, dass sich die Ausgaben für Verteidigung und
für Entwicklungshilfe im Gleichklang bewegen. Bekommt nun auch das
Entwicklungsministerium mehr Geld? Lindner: Dieser
Gleichklang bezieht sich auf den regulären jährlichen Haushalt. Das
Sondervermögen ist vor die Klammer gezogen. Es wird schließlich auch neben
der Schuldenbremse aus eigenem Recht im Grundgesetz verankert. Frage: Deutschland
wird allerdings humanitäre Hilfe in der Ukraine leisten und die Geflüchteten
unterstützen müssen. Was planen Sie dafür ein? Lindner: Ich habe
den Kolleginnen Annalena Baerbock und Svenja
Schulze den Vorschlag unterbreitet, für die humanitären Folgen des
Ukraine-Kriegs im Haushalt eine finanzielle Vorsorge in einer signifikanten
Größenordnung zu treffen. Frage: Auch die
Aufnahme von Geflüchteten in Deutschland kostet aber sicherlich viel Geld. Lindner: Bund und
Länder stehen hier in gemeinsamer Verantwortung. Es ist unsere
zivilisatorische Verpflichtung, die Menschen aufzunehmen, die bei uns Schutz
suchen. Nach heutigem Stand werden die sozialen Folgen andere sein als bei
der Flüchtlingskrise 2015. Frage: Warum? Lindner: Im
Zentrum stehen zunächst natürlich Schutz und Zuwendung für die Geflüchteten.
Aber wir sollten den Menschen sofort auch Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt
geben. Es ist zu erwarten, dass die Geflüchteten aus der Ukraine aufgrund
ihrer Qualifikationen schnell und gut integriert werden können. Frage: Jede
Partei der Ampel muss jetzt einen Teil ihres Kerns für eine Zeit über Bord
werfen: die Grünen die Klimawende, die SPD die Abrüstungspolitik – und die
FDP? Muss es angesichts der Kosten nicht doch zu Steuererhöhungen kommen? Lindner: Es ist
doch eine Frage der politischen Notwendigkeiten. Und es besteht keine
Notwendigkeit für Steuererhöhungen. Eben haben Sie selbst ja sogar nach
weiteren Entlastungen gefragt. Es geht mir darum, die Wirtschaft anzukurbeln,
private Investitionen zu aktivieren und die Menschen mit der Inflation nicht
allein zu lassen. Insofern spricht politisch und wirtschaftlich alles gegen
Steuererhöhungen. Frage: Einige
Politiker der Grünen fordern, angesichts der hohen erwartbaren
Lasten die Schuldenbremse zu lockern. Wäre das unter den gegebenen Umständen
nicht sinnvoll? Lindner: Nein, vor
einer Lockerung kann ich nur warnen. Die finanzielle Stabilität unseres
Staates ist eine Rückversicherung für Krisen. Ich strebe daher unverändert
an, die Schuldenbremse ab 2023 wieder einzuhalten. Ansonsten fiele jede
Haushaltsdisziplin, weil alle wünschenswerten Vorhaben zur Ausnahme erklärt
werden. Für eine Änderung der Schuldenbremse im Grundgesetz gibt es zudem
weder eine Mehrheit im Bundestag noch im Bundesrat. Die Debatte erübrigt sich
also schon allein deshalb. |