L i b e r a l e N o t i z e n
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Sammlung Originaldokumente in http://www.liberale-notizen.de |
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Christian
Lindner auf dem Dreikönigstreffen 2024 6. Januar
2024 Meine sehr
verehrten Damen und Herren, wieder liegt
ein neues Jahr vor uns. Die einen schauen auf dieses Jahr 2024 mit
Hoffnungen, die anderen mit Bedenken. Aber wir haben es selbst in der Hand,
etwas aus den nächsten zwölf Monaten zu machen. Und deshalb wünsche ich Ihren
Familien und Ihnen Glück und Gesundheit und dass Sie all die Ziele erreichen
mögen, die Sie sich vorgenommen haben. Wir kommen
hier zu dieser wunderbaren Kundgebung zusammen. Und zugleich gibt es viele
Menschen, die in Not sind, in der Ukraine, im Nahen Osten und anderswo, aber
auch in Deutschland selbst. Ich denke an die Menschen, die betroffen sind vom
schrecklichen Hochwasser. Was für eine grauenhafte Vorstellung, dass dort das
Wasser unbarmherzig eindringt, wo private Erinnerungsstücke oder Wertvolles
liegen oder wo man sich eine berufliche Existenz aufgebaut hat. Mit Dank und
Respekt sehen wir die Helferinnen und Helfer. Aber die Betroffenen können
sich auch über diesen Tag hinaus darauf verlassen, dass wir solidarisch sind.
Wir Freie Demokraten, wir wollen den Staat nicht für alles zuständig machen.
Er kann auch nicht für alles zuständig sein. Wer aber unverschuldet in Not
gerät, der kann sich auf die Solidarität unserer Gesellschaft verlassen. Ich stehe
hier heute mit etwas Fieber – machen Sie sich keine Sorgen – und habe
festgestellt, das ist der Unterschied zwischen Marie-Agnes Strack-Zimmermann
und mir: Sie braucht keinen Infekt, um auf Betriebstemperatur zu kommen.
Liebe Marie-Agnes, Du gibst uns nicht nur Zugkraft für die Europawahl,
sondern Du gibst uns Power für alle Wahlen, denen wir uns in diesem Jahr
stellen: in Berlin, die Kommunalwahlen und die drei Landtagswahlen. Manche
werden nach Europa geschickt, damit sie von der Bildfläche verschwinden.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann geht nach Brüssel, damit die Stimme der
Freiheit unüberhörbar wird. Sie ist die doppelte Kampfansage der FDP: Die
Kampfansage an Ursula von der Leyen, die aus dem faszinierenden europäischen
Gemeinschaftswerk ein Bürokratieprojekt machen will, und die Kampfansage an
all die Rechts- und Linkspopulisten, die das europäische Einigungsprojekt geschichtsvergessen
zerstören wollen. Die letzten
Jahre lasten schwer auf Deutschland. Die Pandemie mit ihren gesundheitlichen
Gefahren, den Freiheitseinschränkungen und den sozialen und wirtschaftlichen
Schäden. Der Angriff Russlands auf die Ukraine, der die Friedensordnung auf
unserem Kontinent insgesamt in Frage gestellt hat. Die darauffolgende
Fluchtbewegung zeigt uns unsere Grenzen. Die Russlandsanktionen, die auch in
deren Folge gestiegenen Energiepreise, die Situation in den USA und China,
die Inflation und der gestiegene Zins belasten unsere exportorientierte
deutsche Wirtschaft. Die Bundesregierung handelt. Sie ist nicht fehlerfrei.
Wer wäre das? Aber wir entscheiden mehr richtig als falsch. Denn sonst würde
die FDP dieser Regierung nicht angehören. Was die Stimmung in unserem Land
auf einen Tiefpunkt drückt, das sind die Epochenumbrüche. Diesen
Epochenumbrüchen müsste sich jeder stellen. Jede Regierung müsste sie
bewältigen, egal, wer regiert. Komme, wer wolle. Diesen Realitäten kann man
nicht entfliehen. Wir müssen uns diesen Realitäten stellen. Bisweilen habe
ich den Eindruck, dass diese Epochenumbrüche aber zu einer regelrechten Lust
am Untergang geführt haben. So titelt eine Zeitung: „Deutschland im
Niedergang“. Alle gehen mit. Vom kranken Mann Europas ist die Rede. Mir wird
zugeraunt, Familienunternehmer bereiteten im großen Stil den Wegzug aus
Deutschland vor. Von Deindustrialisierung ist die Rede. Neulich hatte ich
eine Veranstaltung, da hat ein Dax-Vorstand den Absturz Deutschlands
beschworen, paradoxerweise ausgerechnet an dem Tag, als ein Rekordergebnis
seines Inlandsgeschäfts öffentlich geworden ist. Ich bin offen: Ich kann es
kaum mehr ertragen. Friedrich Nietzsche hat einmal geschrieben: „Wer zu lange
in den Abgrund hineinschaut, in den schaut auch der Abgrund zurück.“ Anders
gesagt: Eine Gesellschaft, die nicht mehr an ihre eigene Zukunft glaubt, die
verspielt diese Zukunft selbst. [Störrufe im Saal] Ich muss Sie darauf hinweisen, dass
Deutschland bei den CO2-Emissionen im vergangenen Jahr einen historischen
Tiefstand erreicht hat. Aber Eines überrascht und freut mich besonders: Wenn
Attac jetzt für das Klimageld wirbt, dann ist das das erste Mal, dass
Linksautonome für das Wahlprogramm der FDP werben. Meine Damen
und Herren, täuschen wir uns nicht. Es gibt Interessen von außen, Deutschland
zu destabilisieren. Irgendwo sitzen doch die Trollarmeen,
die die Sozialen Medien in Deutschland fluten. Und auch in unserem Land
selbst gibt es doch politische Kräfte, die destabilisieren wollen und die aus
Krisen Kapital schlagen wollen. Denen geht es doch in Wahrheit nicht um eine
andere Politik. Den Rechtspopulisten geht es um eine andere Gesellschaft. Sie
wollen ein autoritäres Deutschland, und dem stellen Liberale sich entgegen.
Die politische Kultur in Deutschland hat sich verändert. Auch in unserem Land
gibt es eine starke Polarisierung. Manche sind darauf aus, den demokratischen
Rechtsstaat selbst zu delegitimieren. Und deshalb muss sich jede und jeder
fragen, wenn man mit Regierungsvorhaben unzufrieden ist: Will ich eine andere
Politik oder möchte ich ein anderes System? Wer hetzerische WhatsApp-Kacheln
im Freundeskreis verschickt, wer Ressentiments toleriert, wer die
Verächtlichmachung demokratischer Politikerinnen und Politiker belacht und
wer sich für Fakten nicht mehr interessiert, der schwächt nicht nur die
liberale Demokratie, sondern gefährdet am Ende auch die eigene Freiheit. Ich sehe
deshalb mit Sorge die aktuellen Proteste der Landwirtinnen und Landwirte. Es
ist eine Branche eines nachhaltigen Unternehmertums. Oft genug
mittelständische Familienbetriebe, für die wir Sympathie haben. Es gab viele
Versuche, ideologisch in den betrieblichen Alltag hinein zu regieren, auch
jenseits wissenschaftlich fundierter Politik. Dem haben wir uns
entgegengestellt. Zum Beispiel durch die Schaffung eines umsetzbaren
Tierhaltungskennzeichens und indem Pflanzenschutz und Düngung ebenfalls
praxistauglich möglich sind. Wir sehen auch die Potenziale der
Digitalisierung und der hochpräzisen Landwirtschaft und sind offen für neue
Züchtungsmethoden. Aber wir haben es bei der Landwirtschaft auch mit einem
europäisch und national hochsubventionierten Sektor zu tun. Wir haben
verstanden, dass bei der Kraftfahrzeugsteuer und dem Wegfall des grünen
Kennzeichens viel Bürokratie entstanden wäre und auch, dass der Verzicht auf
den Agrardiesel, um Überforderungen zu vermeiden, schrittweise erfolgen
sollte. Dagegen kann man immer noch sein. Aber gerade eine europäisch und
national so hochsubventionierte Branche wird sich nicht jedes
Konsolidierungsbeitrags erwehren können. Man kann nicht auf der einen Seite
von der gesenkten Stromsteuer profitieren wollen und zusätzliche Fördermittel
für den Stallumbau fordern und auf der anderen Seite an alten Subventionen
festhalten. Wer neue Subventionen will, muss auch auf alte verzichten. Die
gefährliche Situation, in die mein Kollege Robert Habeck gekommen ist, war
völlig inakzeptabel. Die Sachbeschädigungen, auch die angekündigten Blockaden
sind unverhältnismäßig. Wie sonst auch kann es hier nur eine Konsequenz
geben: Landfriedensbruch, Nötigung und Sachbeschädigung - das sind Fälle für
den Staatsanwalt. Ich wende mich an die Landwirtinnen und Landwirte. Das ist
eine Branche, nicht wie jede andere. Denn sie hat etwas mit unserer
Grundversorgung zu tun. Diese Gesellschaft hat eine Verantwortung für die
Landwirtschaft. Aber die Landwirtschaft hat umgekehrt auch eine Verantwortung
für diese Gesellschaft. Deshalb muss der Protest, wenn es ihn gibt, verhältnismäßig
im Rahmen unserer demokratischen Ordnung erfolgen. Lassen Sie sich nicht
unterwandern und instrumentalisieren. Sie haben sich verrannt. Bitte kehren
Sie um. Die Lage ist
ernst und wir haben viel Arbeit. Ich bin überzeugt: Durchwursteln, eine Form
von „Wir schaffen das“, Unterhaken oder das unkritische Bauen darauf, dass
der Staat es schon richtet, wird die Lage nicht wenden. Umgekehrt aber droht
Deutschland auch nicht der Absturz ins Bodenlose. Wir sind ein starkes Land.
Unsere Wirtschaft hat viel Substanz. Wir haben es mehr als einmal geschafft,
Wenden in unserem Land zu erreichen. Es gibt einen dritten Weg zwischen
Gesundbeten und Schwarzmalerei: sich den Realitäten stellen und etwas
unternehmen. Wir sind Freie Demokraten, weil wir von der Zukunft nichts
befürchten, sondern etwas erwarten. Ich bin mir sicher, in unserem Land gibt
es viele Menschen, die einen Aufbruch wollen, die den Missmut satt sind und
die nur auf den ersten Achtungserfolg des Optimismus warten. Jetzt ist es an
uns. Es ist unsere Aufgabe, dieses Land wieder mit unserem liberalen
Tatendurst anzustecken. Das ist nichts, was man delegieren kann, wie auch die
bürgerliche Mitte es in Deutschland gelegentlich tut, sondern es ist die
Aufgabe für jede Einzelne und jeden Einzelnen von uns: Aufbruch, Veränderung
und Stimmungsumschwung zu erreichen. Jede und jeder kann jeden Tag den
Unterschied machen. Jede und jeder kann jeden Tag sich die Frage stellen:
Stehe ich auf oder bleibe ich liegen? Gehe ich voran oder lasse ich mich
mitziehen? Schaue ich hin oder schaue ich weg? Schenke ich anderen ein
Lächeln oder bringe ich jemanden zur Wut? Der Stimmungsumschwung in unserem
Land ist in unser aller Interesse, aber auch in unserer gemeinsamen
Verantwortung. Deshalb fangen wir jetzt an! Stellen wir
uns der neuen geopolitischen Realität. Es gibt Gesellschaften und Staaten,
die wollen die tatsächliche oder angebliche Vormachtstellung des liberalen
Westens durchbrechen. Damit meinen sie oft genug nichts anderes als die
regelbasierte, multilaterale internationale Ordnung. Insbesondere Putin will
nicht nur die Ukraine unterwerfen, sondern gleich unsere gesamte Lebensweise
zerstören, mit all den weltoffenen, liberalen Werten, die wir haben. Auch
manch ein Handwerksmeister aus Sachsen zum Beispiel, wo ich neulich im
Gespräch war, beklagt die Bürokratie in Deutschland. Der gleiche Mann in
Russland würde aber die Bürokratie beklagen und danach wäre er im Gefängnis.
Und dennoch gibt es in Deutschland Kräfte, die wollen aus wirtschaftlichen
Gründen Konzessionen an Putin machen. Weidel und Wagenknecht, die sind für
einen vielleicht kurzfristig sich tatsächlich ergebenden wirtschaftlichen
Vorteil für unser Land offen dafür, über die Köpfe der Ukraine hinweg mit
Russland zu verhandeln. Sie sind also bereit, wieder hinzunehmen, dass ein
Staat einen anderen Staat zum Satelliten macht oder dass mit Gewalt Grenzen
in Europa verschoben werden. Um es ein für alle Mal in aller Klarheit zu
sagen: Wer die Freiheit der Ukraine opfert, der wird im Ernstfall auch nicht
bereit sein, für unsere eigene Freiheit zu kämpfen. Deshalb unterstützen wir
die Ukraine weiter finanziell und auch militärisch. Wir werden fortwährend
weiter darüber sprechen müssen, was nötig ist an zusätzlicher
wirtschaftlicher Unterstützung oder auch an Waffensystemen. Deutschland ist
in Europa in einer führenden Rolle. Wir nehmen unsere Verantwortung wahr. 50
Prozent der gesamten europäischen Unterstützung für die Ukraine werden von
den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern aus Deutschland geleistet. Wir nehmen
unsere Verantwortung wahr, weil wir wissen, was auf dem Spiel steht. Wenn
mehr nötig ist, wird allerdings nicht nur Deutschland alleine dies leisten
müssen. Die Bedrohung besteht für Europa insgesamt. Also müssen auch andere
sich an der Lastenteilung beteiligen. Es kann nicht darauf hinauslaufen, dass
Deutschland mehr für die Ukraine tut, damit andere starke europäische Staaten
weniger tun müssen. Jetzt muss sich zeigen, dass die Europäische Union eine
Wertegemeinschaft ist, die in diesen Zeiten zusammensteht. Auch unsere
eigene Sicherheitslage steht ja wieder auf dem Prüfstand. Marie-Agnes
Strack-Zimmermann hat darauf hingewiesen, dass wir die Bundeswehr jetzt
ertüchtigen. Diesen Weg werden wir weitergehen müssen. Gleichzeitig kommen
auch alte Ideen wieder. Die Wiedereinführung oder Reaktivierung der
allgemeinen Wehrpflicht in unserem Land wurde von Markus Söder aufgeworfen,
garniert mit einem Foto aus Rekrutentagen. Das hat nichts mit Realpolitik zu
tun. Das ist Romantik. Denn in dieser Lage, in der wir sind, über die
allgemeine Wehrpflicht nachzudenken, trägt nicht zur Sicherheit bei. Wir
schwächen uns nur in Zeiten von Arbeits- und Fachkräftemangel. Denn wir
halten eine Generation davon ab, einen qualifizierten Beruf zu erlernen und
auszuüben, um einige Monate als angelernte Kraft tätig zu sein. Wir greifen
tief in individuelle Freiheiten ein, obwohl der Bezug zur Sicherheit nicht da
ist. Denn im 21. Jahrhundert besteht Landes- und Bündnisverteidigung nicht
mehr darin, wieder Kreiswehrersatzämter einzurichten, sondern darin, dass wir
hoch hochqualifizierte Soldatinnen und Soldaten für eine Technologie-Armee
finden. Deshalb halten wir daran fest, die Bundeswehr auch über das aktuelle
Sonderprogramm des Grundgesetzes mit gut zwei Prozent unserer
Wirtschaftsleistung zu ertüchtigen. Gegenwärtig gelingt das noch durch die
Mittel, die wir vor die Klammer gezogen haben. Aber in kurzer Zeit, in
wenigen Jahren, werden diese Mittel eingesetzt sein, und wir werden aus den
laufenden Etats die Bundeswehr stärken müssen. Ich prognostiziere, dass dann
neue politische Richtungsfragen aufgeworfen werden. Weil diese Form der
Prioritätensetzung ja von uns verlangt, dass Anderes zurückgestellt wird. Es
wird nicht möglich sein, alles gleichzeitig zu tun, sondern wir werden
Entscheidungen treffen müssen, uns auf wirklich Wesentliches zu
konzentrieren. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieses Land diese
Richtungsentscheidung und diese Prioritäten setzen muss. Aus einem guten,
nein, aus dem besten Grund, nämlich Frieden in Freiheit. Ohne Frieden in
Freiheit ist alles andere nichts. Stellen wir
uns den wirtschaftspolitischen Realitäten. Der deutsche Staatshaushalt war
nicht gesund. Wir sind auf dem Wege der Besserung, aber einiges ist noch zu
tun. Schon vor der Pandemie hat der niedrige Zins dazu verleitet, dass
soziale Ausgaben und Standardleistungen – ich denke an die Rente mit 63 –
schneller eingeführt worden sind als die eigentliche wirtschaftliche
Tragfähigkeit es zulässt. Es hat sich dadurch ein strukturelles Defizit
ergeben, das nur durch den außergewöhnlich niedrigen Zins und die Rücklagen,
die sich daraus ergeben haben, überdeckt worden ist. Dann kam die Zeit der
Pandemie. Mit einer expansiven Fiskalpolitik, wo Geld scheinbar keine Rolle
gespielt hat, wo wir fast zehn Prozentpunkte an Staatsverschuldung zugelegt
haben. Wir müssen uns neu mit der Tatsache vertraut machen, dass
Nachhaltigkeit nicht nur ein Gebot der Ökologie ist. Nachhaltigkeit ist auch
eine Anforderung an die Ökonomie. Und deshalb müssen wir zurückkehren zu dem Grundsatz,
dass der Staat dauerhaft nicht mehr Geld einsetzen kann, als die Bürgerinnen
und Bürger in der Lage sind, ihm zur Verfügung zu stellen. Dies ist aber ein
Weg, den wir da gehen. Auch mit teilweise unbequemen und kontroversen
Entscheidungen. Beispielsweise
gab es jetzt ja um den Jahreswechsel eine Diskussion über die Frage, wer denn
eigentlich die Menschen in Deutschland im Jahr 2024 be-
oder entlastet. Da gab es eine Beispielrechnung, bei der zwei Dinge
zusammengebracht wurden: Auf der einen Seite die reduzierten
Mehrwertsteuersätze, die ausgelaufen sind, und auf der anderen Seite die
Veränderungen bei der Lohn- und Einkommensteuer. Diese beiden Dinge sind aber
differenziert zu betrachten. Die reduzierten Mehrwertsteuersätze, die
verschobene Erhöhung des ursprünglich geplanten CO2-Preises, die
Preisbremsen, all das waren notwendige, aber befristete Krisenmaßnahmen. Die
eine oder der andere mag Sympathie haben, sie auf Dauer einzuführen. Aber
dies geht nur dann, wenn man auf anderes verzichtet und Gegenfinanzierungen
findet. Krisenmaßnahmen wie diese reduzieren den Preisdruck, der von den
Weltmärkten über die Inflation kommt. Zur Realität gehört aber, sich
einzugestehen: Der Staat kann nicht auf Dauer gestiegene Preise oder höhere
Importkosten von den Weltmärkten ausgleichen. Der Staat kann ruinöse
Preisspitzen dämpfen. Den Lebensstandard der Menschen in Deutschland sichern,
das allerdings kann der Staat nicht. Das kann nur eine prosperierende
Wirtschaft leisten. Auf der anderen Seite haben wir auch bei der Lohn- und
Einkommensteuer das Notwendige getan. Das war auch eine intensive Diskussion
innerhalb der Bundesregierung und Koalition: Die kalte Progression im Jahr
2023 und jetzt im Jahr 2024 zu beseitigen. Übrigens erstmals auch durch eine
Rechtsverschiebung des Solidaritätszuschlags, sodass auch dort qualifizierte
Fachkräfte, Selbstständige und Freiberufler nicht belastet werden. 15
Milliarden Euro an Entlastung alleine für dieses Jahr. Das macht für manche
Familie mehrere 100 Euro Entlastung aus. So muss es auch weitergehen. Durch
den deutlich gestiegenen Regelsatz für die Grundsicherung wird es noch einen
Nachschlag beim steuerfreien Grundfreibetrag für die arbeitende Mitte geben
müssen. Und wir werden in diesem Jahr auch nach vorne schauen müssen, wie
sich die kalte Progression in den nächsten Jahren entwickeln wird. Ich sage
voraus: Das wird für die nächsten Jahre 2025 und 2026 wieder eine intensive
Diskussion in der Koalition geben, ob es möglich ist, auf die automatischen
Steuererhöhungen der kalten Progression zu verzichten. Für uns aber ist dies
eine Frage der Gerechtigkeit. Denn es dürfen nicht nur die Leistungen für
diejenigen, die nicht arbeiten, an die Preisentwicklung angepasst werden.
Genauso muss auch die Einkommensteuer an die Inflation angepasst werden für
diejenigen, die den Sozialstaat mit ihrer Arbeit tragen. Liebe Gäste,
wir haben eine fiskalische Trendwende inzwischen erreicht. Michael Theurer
hat die Zahl von 69 Prozent Schuldenquote im Jahr 2021 schon genannt. 64
Prozent sind es in diesem Jahr. Von 3,6 Prozent jährlichem Defizit jetzt auf
1,5 Prozent in diesem Jahr. Das ist freilich kein Selbstläufer, sondern muss
immer wieder neu begründet und erarbeitet werden. Davon wurden wir alle in
diesen Tagen wieder Zeuge, als sogar der Vorsitzende der sozialdemokratischen
Bundestagsfraktion neu die Frage aufgeworfen hat, ob nicht die Konsolidierung
ersetzt werden könnte durch eine neuerliche Ausnahme von der Schuldenbremse,
durch einen neuerlichen Notlagenbeschluss. Diese fiskalische Trendwende
fortzusetzen, kostet also Überzeugungskraft und Arbeit. Allerdings haben wir
zwei starke Verbündete, nämlich die ökonomische Vernunft und das Grundgesetz.
Wir brauchen wirksame Fiskalregeln, weil sich das wirtschaftliche Umfeld
verändert hat. In den Zeiten, als der Zins für den Staat niedriger war als
das Wachstum, da konnte er sich stark verschulden. Er hat seine Probleme
gewissermaßen über die Zeit selbst und automatisch gelöst. Diejenigen, die
das vertreten, benötigen für ihre Position allerdings ein Update, denn
inzwischen ist der Zins höher als das Wachstum. Wir halten also die
Schuldenbremse ein nicht aus Daffke, sondern um die Glaubwürdigkeit an den
Kapitalmärkten zu erhalten, damit Deutschland Stabilitätsanker in Europa
bleiben kann, damit wir neue Sicherheitspuffer aufbauen und damit nicht
irgendwann dieses Land durch Zinsen und Tilgung stranguliert wird. Nicht aus
Daffke, sondern als Gebot ökonomischer Vernunft halten wir an der
Schuldenbremse fest. Und der
zweite Verbündete, das ist das Grundgesetz. Das Bundesverfassungsgericht hat
sich ja erstmals umfassend mit einer Auslegung der Schuldenbremse des
Grundgesetzes beschäftigt. Dieses Grundsatzurteil war veranlasst durch eine
Entscheidung der Bundesregierung und des Haushaltsgesetzgebers. Betroffen hat
sie allerdings die Staatspraxis insgesamt. Es ist ein für uns und für mich
peinliches Urteil, das uns aber in besonderer Weise jetzt in die
Verantwortung nimmt, die neu gewonnene Rechtsklarheit zu befolgen. Es kann
natürlich Notlagen geben. Unvorhergesehene Ereignisse, auf die kann der Staat
reagieren. Dafür gibt es die überplanmäßigen oder außerplanmäßigen Ausgaben.
Das ist nicht automatisch ein Grund für eine Notlage, für eine Ausnahme von
der Schuldenregel des Grundgesetzes. Wenn es einen neuen Finanzierungsbedarf
gibt, dann ist doch zuerst zu schauen: Kann man ihn im regulären Etat decken?
Ist er so erheblich, dass er nicht durch Umschichtung geleistet werden kann?
Und Umschichtung mag unbequem sein, aber manchmal ist sie eben möglich und
nötig. Die Ausnahme von der Schuldenbremse ist nicht die politisch bequemste
und deshalb erste Option für die Politik, sondern die letzte, gewissermaßen
die Ultima Ratio. Deshalb muss Herr Mützenich wissen, dass ich einen Amtseid
geschworen habe, das Grundgesetz zu verteidigen. Dieser Finanzminister wird
keine Entscheidung unterstützen, die neue verfassungsrechtliche Risiken
bringt. Das gebietet allein der Respekt vor unserer Verfassung. Es ist auch
nicht so, dass es eine Wahl wäre, die Schuldenbremse einzuhalten oder in
Infrastruktur, in Zukunft zu investieren. Wir haben Investitionen auf
Rekordniveau für dieses Jahr eingeplant. Auch die Investitionsquote im
Bundeshaushalt steigt im Vergleich zum Vorkrisenniveau vor Corona. Die
Aufgabe ist es, Prioritäten zu setzen. Denn dieser Staat hat kein
Einnahmeproblem. Unser Problem ist die Prioritätensetzung, weil alles immer
gleichzeitig gehen soll, und oft genug sind in der Vergangenheit dann die
Zukunftsinvestitionen der Prioritätensetzung zum Opfer gefallen. Und genau diesen
Mechanismus müssen wir umkehren. Nicht was in der Gegenwart bequem ist, darf
Vorfahrt haben, sondern was für die Zukunft unabweisbar ist, muss Priorität
gewinnen. Meine Damen
und Herren, die wirtschaftliche Entwicklung in unserem Land kann uns nicht
zufriedenstellen. Wir haben schlicht zu wenig wirtschaftliches Wachstum. Ich
bin aber überzeugt, dass die deutsche Wirtschaft ein erhebliches Turn-around-Potenzial hat. Es wird regelmäßig gesagt: Naja,
wegen der ganzen Subventionen in den USA gerät die deutsche Wirtschaft ins
Hintertreffen. Wer daran glaubt, dass die deutsche Wirtschaft für einen
Aufschwung staatliche Subventionen benötigt, der verkennt, worin die wahre
Stärke von Mittelstand, Startups, Handwerk und Industrie in unserem Land
besteht. Nicht der Appetit nach Subventionen, sondern Weitsicht,
Innovationskraft und Risikobereitschaft begründen den Wohlstand unseres
Landes. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir nach dem ersten
Konsolidierungspaket für den Bundeshaushalt jetzt ein Dynamisierungspaket für
unsere deutsche Wirtschaft brauchen. Erstens
müssen die Meseberg-Bürokratiebeschlüsse, die Justizminister Marco Buschmann
vorbereitet hat, umgesetzt werden. Drei Milliarden Euro geringerer
Erfüllungsaufwand für die deutsche Wirtschaft stecken dahinter. Der
Bürokratiekostenindex in unserem Land wird danach auf ein Allzeittief sinken.
Und wir sollten noch darüber hinausgehen. Das von der CDU eingeführte
Lieferkettengesetz bringt in der Praxis nichts außer lästiger Bürokratie. Es
kann entschlackt werden. Die öffentliche Auftragsvergabe, die öffentliche
Beauftragung von Unternehmen kann entbürokratisiert werden. Und mit diesen
Maßnahmen ist nicht nur verbunden, dass wir mehr Flexibilität und Tempo
bekommen. Es ist auch ein Vertrauensbeweis der deutschen Wirtschaft
gegenüber. Denn Bürokratie ist nicht nur lästig, sondern sie ist auch ein
Misstrauensvotum, dass die ehrlichen Kaufleute nicht gut wirtschaften und
sich nicht ethisch verhalten. Zweitens
müssen wir unseren Arbeitsmarktmarkt mobilisieren und flexibilisieren. Bei
den älteren Arbeitnehmern, aber auch bei denen, die gegenwärtig nicht
arbeiten. Wir machen Schritte jetzt mit dem Jobmotor, um die Geflüchteten aus
der Ukraine zum Beispiel durch eine intensivere Kontaktdichte in den
Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir setzen jetzt das Instrument der Sanktionen
bei den Verweigerern ein. Nicht nur, um damit Geld zu sparen, sondern auch,
um zu erreichen, dass diese Menschen sich bewegen. Ehrlich gesagt kann ich
nicht verstehen, dass Arbeitsminister Hubertus Heil für diesen Vorschlag aus
der eigenen Partei und von Sozialverbänden kritisiert wird. Totalverweigerer
zu sanktionieren, ist doch nicht das Problem. Das Problem wäre es, das nicht
zu tun, weil Solidarität in dieser Gesellschaft keine Einbahnstraße ist. Drittens gehört
in dieses Dynamisierungspaket ein marktwirtschaftliches Klimaschutzgesetz.
Ich habe es gerade schon angesprochen, wir haben im vergangenen Jahr
niedrigere CO2-Emissionen gehabt, aber eben nicht in jedem Sektor. Das
planwirtschaftliche, von der CDU geerbte Klimaschutzgesetz betrachtet aber
jeden Sektor jährlich planwirtschaftlich gleich. Wenn also die einen mehr tun
können, dann hilft das den anderen, die mehr Trägheit haben, wie zum Beispiel
dem Mobilitätsbereich, nicht. Die Konsequenz ist, dass, wenn wir nichts
ändern würden, dann irgendwann, obwohl wir unsere nationalen Ziele erreichen,
im Verkehrssektor vielleicht als Ultima Ratio gar über Fahrverbote
nachgedacht werden müsste. Deshalb brauchen wir jetzt ein
marktwirtschaftliches Klimaschutzgesetz, wo der eine Sektor dem anderen
hilft. Nicht um weniger Klimaschutz zu erreichen, sondern um dafür zu sorgen,
dass in dem Sektor, wo schneller und günstiger CO2 eingespart wird, die
Effekte erzielt werden. Denn nicht am grünen Tisch sollte über den Weg in die
Treibhausgasneutralität entschieden werden, sondern im marktwirtschaftlichen
Ideenwettbewerb. Viertens
gehört zu einem Dynamisierungspaket, dass wir das Kapital, das wir in
Deutschland haben, mobilisieren. Banken, Versicherungen, Kapitalsammelstellen
anderer Art haben Milliarden Euro unter Verwaltung und investieren es aber
nicht in Deutschland, sondern sie investieren dieses Kapital oft genug
andernorts. Sie investieren es nicht in Startups oder in
Infrastrukturprojekte in unserem Land. In Frankreich aber passiert das. Das
ist ausnahmsweise mal dann nicht europäische Regulierung, sondern deutsche.
Wenn die Franzosen es mit ihrer Initiative schaffen, dass deren
Versicherungen und Kapitalsammelstellen hochinnovative Unternehmen mit
Milliarden Euro finanzieren, dann muss das in Deutschland auch gelingen. Von
mancher liebgewonnenen Idee der Risikofreiheit der Kapitalanlage, manch gut
gemeinter Idee des Verbraucherschutzes sollten wir uns verabschieden und
etwas mehr Unternehmergeist wagen. Wir können alle nur davon profitieren. Meine Damen
und Herren, das Wachstumschancengesetz muss kommen. Es beinhaltet steuerliche
Anreize für Investitionen und für Forschungsvorhaben. Es reduziert den
bürokratischen Erfüllungsaufwand und weiteres mehr. Es gibt Anreize für die
Baukonjunktur. Gegenwärtig wartet aber die deutsche Wirtschaft auf diesen
Baustein zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Ich will gar nicht sagen,
dass das schon jetzt eine große Unternehmenssteuerreform wäre. Die gibt es
schon seit vielen Jahren. Noch keine Mehrheit im Deutschen Bundestag. Aber
immerhin etwas, was gelungen ist, zu verabreden mit Sozialdemokraten und
Grünen. Und nun wird dieses Vorhaben ausgerechnet blockiert von der CDU/CSU,
die sich nicht dafür öffnet, über dieses Gesetzgebungsvorhaben im Kontext des
Vermittlungsausschusses zu sprechen. Die einen aus der CDU/CSU sagen, es sei
zu wenig, es sei mickrig. Die anderen sagen, es sei zu viel, die Länder
könnten es sich nicht leisten. Und im Ergebnis passiert nichts. Ich bin
bereit, die Bundesregierung ist bereit, mit der CDU/CSU zu sprechen: Was sie
genau will, was sie vorschlägt, wo das Gesetz kleiner werden soll oder wie es
größer werden kann. Die Aufgabe ist aber, dass die Union sich für seriöse
Verhandlungen öffnet. Wenn Friedrich Merz einen Führungsanspruch hat für das
Land insgesamt, dann soll er ihn jetzt erst einmal in seiner eigenen Fraktion
und gegenüber den eigenen Ländern beweisen und dafür sorgen, dass über dieses
Vorhaben entschieden werden kann. Meine Damen
und Herren, mir scheint, SPD und Grünen schwant, dass die ganzen
sozialpolitischen und ökologischen Vorhaben, die diese Parteien haben, im
aktuellen wirtschaftlichen Umfeld nur sehr schwer unter großen Anstrengungen
zu realisieren sind. Manche träumen da noch von Steuererhöhungen oder eben
von der Umgehung der Schuldenbremse. Das wird es nicht geben. Aber ich habe
ein Gegenangebot an unsere Koalitionspartner. Wenn wir die vielen sozialen
und ökologischen Vorhaben und die weitere Ertüchtigung der Bundeswehr nicht
durch Steuererhöhungen oder Schuldenerhöhungen finanzieren, dann gehen wir
doch einen anderen Weg. Mein Vorschlag ist: Sorgen wir doch dafür, dass eine
wieder starke und wachsende Wirtschaft uns die Mittel zur Verfügung stellt,
die wir brauchen für Soziales, Ökologisches und die Sicherheitspolitik. Es
ist kein Widerspruch, wirtschaftsfreundliche, wachstumsfördernde Politik zu
machen oder sozial-ökologische. Im Gegenteil. Wachstumsorientierte
Wirtschaftspolitik ist die Voraussetzung dafür, überhaupt sozial-ökologische
Politik machen zu können. Und deshalb brauchen wir in diesem Jahr nun die
Wirtschaftswende. Stellen wir
uns auch den gesellschaftspolitischen Realitäten. Dieses Land muss seinen
Zusammenhalt teilweise neu begründen. Nicht wenige haben das Gefühl, es gehe
nicht gerecht in Deutschland zu. Oft genug sind die Antworten dann aber uralt
und gerichtet auf Umverteilung, teilweise wieder in einer geradezu
klassenkämpferischen Diktion. Und manche neue Idee ist auch nicht gut. Ende
des vergangenen Jahres haben ja die Jungsozialisten beschlossen, dass jeder
junge Mensch am 18. Geburtstag ein Grunderbe vom Staat erhält in Höhe von
60.000 Euro. Jeder bekommt zum 18. Geburtstag 60.000 Euro vom Staat. Eine
faszinierende Idee. 60.000 Euro sind eine Stange Geld für eine 18-Jährige
oder einen 18-Jährigen. Auf Sicht der Lebensarbeitszeit relativieren sich
aber 60.000 Euro. Deshalb bin ich überzeugt: Statt am 18. Geburtstag ein
Grunderbe von 20.000 Euro oder 60.000 Euro auszuzahlen, sollte man in den 18
Jahren zuvor lieber in die Schul- und sonstige Ausbildung von Kindern und
Jugendlichen investieren. Insbesondere
ist das nötig nach den jüngsten Ergebnissen der PISA-Studie, die ja noch
dramatisch schlechter waren als die zuvor. Wir können angesichts der
Ergebnisse des deutschen Bildungssystems und seiner Schülerinnen und Schüler
nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, denn hier stehen nicht nur
individuelle Lebenschancen auf dem Spiel, sondern der Wohlstand unserer
Gesellschaft insgesamt. Eine erste Konsequenz zieht ja Bettina Stark-Watzinger
mit dem Startchancen-Programm: In den nächsten zehn Jahren 20 Milliarden Euro
von Bund und Ländern gezielt für die Schulen, die besondere soziale Aufgaben
haben bei der individuellen Förderung und bei der Integration. Ein wichtiger
Baustein, um die fatale Verbindung von beruflichem Weg und Herkunft aus dem
Elternhaus zu überwinden. Die Bildungsmilliarde, von der ich im letzten Jahr
hier gesprochen habe, kommt trotz aller Haushaltskonsolidierung. Denn überall
mag man sparen - töricht aber wäre es, bei der Zukunft von Kindern und
Jugendlichen zu sparen. Auch die
Frage der inländischen Identität beschäftigt uns, beschäftigt viele gerade
angesichts der Bilder der antisemitischen Demonstrationen in Deutschland.
Viele stellen sich die Frage: Was hält unser Land zusammen? Die CDU hat
dieses Thema auch gerade wieder aufgerufen, unter der erneuerten Überschrift
der Leitkultur - noch garniert mit Einordnungen zum Weihnachtsbaum. Meine
Damen und Herren, daran zeigt sich Eines: Die FDP ist nicht der wirtschaftspolitische
Arbeitskreis der CDU, sondern eine eigenständige liberale Partei. Denn wir
wissen: Eine im besten Wortsinne individualistische
und vielfältige Gesellschaft kann man nicht zusammenbinden mit einem
kollektivistischen Gesellschaftsverständnis. Wir brauchen individuelle
Leitideen, die unabhängig von unserem eigenen Hintergrund akzeptabel sind.
Und wir haben sie. Wir müssen sie nicht erfinden. Diese Leitideen sind die
objektive Wertordnung des Grundgesetzes mit der Würde und Freiheit des
Einzelnen und der Gleichberechtigung der Geschlechter. Zu unseren Leitideen
gehört, dass unser Land sich seiner historischen Verantwortung stellt, sich
deshalb bekennt zum Existenzrecht des Staates Israel – übrigens in
friedlicher Koexistenz mit einem eigenen Palästinenserstaat – und dass wir
uns jedem Antisemitismus entgegenstellen. Zu unseren
Leitideen gehört das Aufstiegsethos des Wirtschaftswunders, dass sich nämlich
eigene Arbeit lohnt und dass man sich etwas aufbauen kann. Wir müssen nichts
Abstraktes erfinden und dabei vielleicht andere ausgrenzen oder
kollektivistische Schablonen über eine vielfältige Gesellschaft wölben. Wir
haben diese Leitideen, aber wir müssen nicht über sie reden, sondern wir
müssen sie jetzt tatsächlich durchsetzen. Aus diesem Grund ist es so wichtig,
dass wir das Staatsangehörigkeitsrecht ändern. Denn mit dem Alten von der CDU
mitgetragenen Staatsangehörigkeitsrecht konnten Antisemiten einen deutschen
Pass bekommen. Es konnte eingebürgert werden, wer noch niemals durch eigene
Hände Arbeit für seinen Lebensunterhalt geradegestanden ist. Genau das ändern
wir. Das neue Staatsangehörigkeitsrechts sorgt
dafür, dass antisemitische Neigungen den deutschen Pass verwirken. Und die
Voraussetzung dafür, Deutsche oder Deutscher zu werden, ist, den Lebensunterhalt
durch Arbeit zu bestreiten. Meine Damen
und Herren, ich nenne das fordernde Integrationspolitik. Das gehört zum neuen
Realismus: eine fordernde Integrationspolitik. Denn Integration, das ist
nicht zuerst die Leistung der aufnehmenden Gesellschaft. Integration ist vor
allen Dingen die Erwartung der aufnehmenden Gesellschaft an jene, die kommen.
Dafür muss das Angebot aber für alle zugänglich sein. Deshalb: Kein
Kollektivismus, sondern jede und jeder darf diesen German Dream von Freiheit
und Weltoffenheit und sozialem Aufstieg mit uns träumen. Wir fragen nicht
nach der ethnischen Herkunft, nach den kulturellen Vorlieben oder nach dem
Schmuck des Weihnachtsbaums, sondern nur danach, welchen Beitrag jemand für
unser Land leisten will. Meine Damen
und Herren, wir tragen Regierungsverantwortung nicht um unserer selbst
willen, sondern weil wir dieses Land gestalten wollen. Wir sind auch als
liberale Partei kein Debattierclub, der sich nur mit Lehrbuchweisheiten
beschäftigen will, die nicht dem Realitätscheck standhalten müssen. Wir
wollen das Land gestalten. Der Preis dafür ist aber immer Kontroverse. Wir
werden hart kritisiert und das ist auch das Recht und die Aufgabe zum
Beispiel der parlamentarischen Opposition. Dennoch wundert mich bisweilen,
wie und in welchem Stil die größte Oppositionspartei im Bundestag dieses
Recht und diese Aufgabe ausfüllt. Vor der Weihnachtspause hat im Deutschen
Bundestag zum Beispiel der Generalsekretär der CDU gesagt, es sei „Wahnsinn“,
was die Regierung mit diesem Land anstelle. Es ist nur ein Beispiel dafür,
dass bisweilen die Kritik etwas übersteuert ist. „Wahnsinn“ sei das, was wir
mit dem Land anstellten. Ich weiß nicht, ob man das so fortsetzen sollte,
aber wir könnten es auch. War es nicht zum Beispiel Wahnsinn, dass Deutschland
über Jahre keine geordnete Migrationspolitik hatte und eine Linie der nahezu
grenzenlosen Aufnahmebereitschaft in der Ära Merkel vertreten hat? Und es
sind doch jetzt wir, die europäische Außengrenzen schützen, Asylverfahren von
außerhalb Europas einführen, die wir in Deutschland unsere Grenze
kontrollieren, die wir einen Abschiebegewahrsam einrichten, sichere
Herkunftsländer beschließen und beim Asylbewerberleistungsgesetz das Niveau
reduzieren, um die Magnetwirkung nach Deutschland einzuschränken. Das sind
doch wir, die diese Realpolitik in der Migrationspolitik umgesetzt haben. Und
das waren doch nicht die. Und war es nicht Wahnsinn – wenn man dieses Wort
verwenden will – dass die CSU-Verkehrsminister Brücken und die Bahn haben
verkommen lassen, weil sie sich nur beschäftigt haben mit dem Neidprojekt
einer Ausländermaut, für die der deutsche Staat jetzt mehrere 100 Millionen
Euro Schaden hatte. Und es ist doch Volker Wissing, der das digitale,
unbürokratische Deutschlandticket erfunden und eingeführt hat und der jetzt
die Bahn modernisiert und der sogar erreicht hat, dass Autobahnen teilweise
im überragenden öffentlichen Interesse ertüchtigt werden. Das waren doch
nicht die, die die Verkehrsinfrastruktur auf Vordermann bringen, sondern das
sind doch wir, die das jetzt machen. Und wenn man das so machen will mit dem
Wahnsinn: War nicht die Energiepolitik der Vorgängerregierung Wahnsinn, die
gegen unseren Rat einseitig auf russisches Pipelinegas gesetzt hat und keine
Flüssiggasterminals bauen wollte, die Fracking und
die CCS-Technologie in Deutschland gesetzlich verboten hat, die gleichzeitig
aus Kohle und Kernkraft ausgestiegen ist? Das war doch Wahnsinn. Und wir sind
es doch jetzt, die Flüssiggasterminals bauen, die die Netze ausbauen, die
durch Planungsbeschleunigung dafür sorgen, dass die Energie, die abgeschaltet
wird, ersetzt wird, die wir jetzt über CCS nachdenken und Wasserstoff in
Deutschland zu einem Energieträger machen. Es sind doch nicht die gewesen,
die die Energiepolitik in Deutschland wieder praxistauglich machen. Es ist
doch jetzt die Aufgabe, der wir uns stellen. Und deshalb, meine Damen und
Herren, ja: Ich nehme jede Kritik von Unterstützerinnen und Mitgliedern der
FDP an, dass wir nicht alles und nicht alles sofort umsetzen können. Ich
nehme auch an, dass wir manchen Kompromiss schließen, denn das gehört zur
demokratischen Realität. Aber von der CDU nehme ich keine Belehrungen
entgegen, dass wir nicht schnell genug dabei sind, den hinterlassenen
Scherbenhaufen zusammenzukehren. Wir werden
kritisiert für das, was wir machen. Wir werden kritisiert für das, was wir
nicht machen. Wir werden kritisiert für das, was wir verhindern. Das ist das
Los der Liberalen. Das war nie anders. Die große Publizistin Marion Gräfin
Dönhoff sagte einmal: „Der Platz der Liberalen ist zwischen allen Stühlen“.
Und als Liberaler fühlt man sich dort wohl, weil wir wissen, warum wir es
tun. Für Frieden in Freiheit, für Stabilität und Wachstum. Für faire Chancen
in einer vielfältigen Gesellschaft. Seit mehr als 75 Jahren setzen wir uns
ein für den Gedanken von Liberalität und individueller Freiheit. Seit 75
Jahren setzen wir uns dafür ein, dass die und der Einzelne den Weg zum
individuellen Glück geht, den sie oder er wünscht. Seit 75 Jahren setzen wir
uns dafür ein, den Einzelnen zu schützen vor Bevormundung, vor
Bürokratisierung, vor dem mundtot machen oder vor finanzieller Überforderung.
Wir wollen alle stark machen, die eigenen Chancen zu ertüchtigen. Seit 75
Jahren setzen wir uns ein für den Wert der Freiheit, der nichts an Aktualität
verloren hat. Und deshalb
machen wir morgen damit weiter. Auf ein Neues. |