L i b e r a l e N o t i z e n
|
|
Sammlung Originaldokumente in http://www.liberale-notizen.de |
|
Christian
Lindner, Europaparteitag der FDP
Sehr geehrte
Damen und Herren, sehr geehrte Parteifreundinnen und Parteifreunde, ich
begrüße Sie zu unserem Europaparteitag. Ich begrüße die über 500 Delegierten.
Ich grüße über 600 angemeldete Gäste. Ich begrüße die Vertreter anderer
liberaler Parteien und ich begrüße die Vertreter des Diplomatischen Corps.
Stellvertretend für unsere liberalen Freundinnen und Freunde in Europa
begrüße ich den ALDE-Präsidenten Ilhan Küçük. Herzlich willkommen hier bei
uns in Berlin! Liebe
Parteifreundinnen, liebe Parteifreunde, der 28. Januar – was für ein
passendes Datum, um uns vorzubereiten auf die Wahl für das Europäische
Parlament. Denn heute ist der Internationale Karlstag.
Heute ist der Todestag Karls des Großen und an diesem Tag erinnern wir uns an
unsere wechselvolle gemeinsame europäische Geschichte. Mag es in Europa in
den vergangenen Jahrhunderten Phasen gegeben haben von Krieg, Verwüstung und
Zerstörung, europäische Bruder- und Schwesterkriege, erinnern wir uns daran:
Am Ende sind wir ein Europa, verbunden durch eine Geschichte und durch
gemeinsame Werte. Was für ein großartiger historischer Fortschritt, dass wir als
Europäerinnen und Europäer heute nicht nur auf einem Kontinent leben, dass
wir nicht nur durch eine Geschichte verbunden sind, sondern auch durch das
großartige und weltweit einmalige Einigungsprojekt der Europäischen Union.
Man muss sich vorstellen, wir wählen ein gemeinsames Europäisches Parlament.
Ein Parlament, das die Werte und Interessen von 27 Nationen vereinbaren und
ausbalancieren soll. Was für ein großartiges Privileg. Und wie notwendig ist
es im Übrigen auch, dass wir gemeinsame europäische Politik formulieren,
vielleicht dringender denn je. Seit der letzten Wahl zum Europäischen
Parlament haben wir eine Vielzahl von Epochenbrüchen erlebt, und der für uns
tiefgreifendste und dramatischste ist fraglos der russische Angriff auf die
Ukraine gewesen: Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa wieder
Krieg zwischen zwei Staaten, zum ersten Mal wieder der Versuch, mit Gewalt
Grenzen zu verschieben, zum ersten Mal also auch der Angriff auf die
Friedens- und Freiheitsordnung in Europa selbst! Deshalb bin ich stolz, dass
ich auch Kira Rudyk begrüßen darf als
ALDE-Vizepräsidentin aus der Ukraine. Kira, unserer Solidarität könnt Ihr
Euch sicher sein. Wir sind
alle beeindruckt und berührt von der Tapferkeit, mit der die Ukrainerinnen
und Ukrainer ihre eigene Freiheit, Souveränität, aber eben auch unsere Werte
und das Friedens- und Freiheitsprojekt Europas insgesamt verteidigen. Wie
muss es sich anfühlen für diejenigen, die um ihr Land und seine Freiheit
kämpfen, wenn es hier in Deutschland Politikerinnen und Politiker von ganz
links und ganz rechts gibt – Weidel und Wagenknecht – die offen darüber
sprechen, dass wegen der wirtschaftlichen Nachteile, die wir haben, wir ja
auch über die Köpfe der Ukrainer hinweg mit Russland sprechen könnten, damit
wir wieder normalisierte wirtschaftliche Beziehungen haben – egal, welchen
weiteren Weg die Ukraine geht. Deren Freiheit wird dann einfach geopfert. Wer
so denkt und entscheidet über die Freiheit eines Landes, das nach dem
Völkerrecht selbst bestimmen darf, welchen Weg es geht, der wäre im Zweifel
auch bereit, unsere Freiheit zu opfern, wenn es einmal unbequem wird. Deshalb
stehen wir an der Seite der Ukraine, weil es auch um unsere Freiheit geht.
Deutschland leistet viel Hilfe und Unterstützung für die Ukraine in
militärischer, logistischer und politischer Hinsicht und auch in finanzieller
Hinsicht. Wir lassen in unserem Engagement auch nicht nach. Insgesamt 28
Milliarden Euro haben wir bereits an Unterstützung für die Ukraine geleistet.
Alleine in diesem Jahr stehen 8 Milliarden Euro für zusätzliche militärische
Unterstützungsleistung zur Verfügung. Deutschland leistet damit gut die
Hälfte der gesamten europäischen Unterstützung für die Ukraine. Deutschland
hat eine große Verantwortung in Europa und wir nehmen diese große
Verantwortung auch wahr. Gerade auf die USA schauen nun viele – auch ich
selbst – mit der Sorge, ob gegenwärtig angesichts des polarisierten
Kongresses und zukünftig nach einer Präsidentschaftswahl, die USA weiter ihre
Beiträge leisten werden. Es ist unsere Aufgabe als Europäerinnen und Europäer
– übrigens auch als Deutsche – dafür zu sorgen, dass die transatlantischen
Beziehungen intakt bleiben. Egal, wer im Weißen Haus regiert, egal, wie die
Mehrheiten im Kongress sind. Die Polarisierung in der amerikanischen
Demokratie, egal wer auch immer regiert, darf nicht das zerstören, was als
Partnerschaft und Freundschaft über den Atlantik über Jahrzehnte aufgebaut
worden ist. Aber wir sind zugleich auch Realisten und müssen auch in
Szenarien denken. Wir dürfen nicht unvorbereitet sein. Und deshalb will ich
klar sagen: Deutschland wird und muss weiter seine Beiträge leisten. Wenn es
erforderlich ist, ist dieses Land auch in der Lage, noch mehr an
militärischer und finanzieller Hilfe zu mobilisieren. Was aber nicht sein
darf und nicht sein wird, ist, dass Deutschland, das schon die Hälfte aller
Unterstützungsleistungen für die Ukraine aufbringt, noch mehr tut, damit
andere weiter zu wenig tun können. Europa ist eine Wertegemeinschaft und das
muss sich auch in dieser Stunde beweisen. Überhaupt
hat sich seit der vergangenen Europawahl die Sicherheitslage und damit auch
die politische Prioritätensetzung in Europa fundamental verändert. Ja, wir
haben als Freie Demokraten schon in der Vergangenheit darüber gesprochen,
dass wir mehr gemeinsame europäische Befähigung in der Verteidigung haben
wollen. Wir haben in der Vergangenheit auch darüber gesprochen, dass unsere
Vision eine europäische Armee ist. Diese Vision ist nun aber aktueller und
dringlicher denn je. Wir sind bedroht durch einen Krieg in Europa und durch
ein Russland, von dem wir nicht wissen, wer der Nächste wäre. Und deshalb
müssen wir als Europäerinnen und Europäer unter dem Dach der NATO unsere
verteidigungspolitischen, unsere militärischen Befähigungen verbessern. Nicht
gegen die NATO, nicht ohne Washington. Aber wir müssen in der Lage sein, die
Europäische Union, unsere Werte und Interessen im Zweifel auch selbst
verteidigen zu können. Weil wir gemeinsame Werte haben, müssen wir auch in
der Lage sein, sie gemeinsam zu vertreten und zu verteidigen. Liebe
Marie-Agnes Strack-Zimmermann, als Eurofighterin
bist du auch in dieser Frage die richtige Frau an der richtigen Stelle im
Europäischen Parlament. Es ist nämlich nicht nur eine Frage von strategischen
Konzepten, die erarbeitet werden müssen. Wenn wir tatsächlich gemeinsame
europäische Befähigungen erreichen wollen, dann geht dies weit darüber
hinaus. Blicken wir der Wahrheit ins Auge: Wir geben zu wenig unserer
finanziellen Mittel für den Verteidigungsbereich aus. Aber im Vergleich zu
anderen bekommen wir auch nochmal weniger heraus, weil unsere europäische
Rüstungsindustrie zersplittert ist, weil jeder glaubt, alle Projekte selbst
machen zu können. Deshalb ist die Perspektive mehr gemeinschaftlich zu tun.
Nicht nur als Zeichen der Stärke und als Signal, dass wir uns nicht
auseinanderdividieren lassen von Kräften wie Putin. Nein, es geht auch um den
effektiven Mitteleinsatz. Wenn wir mehr gemeinsam in Europa tun und wenn wir
unsere Befähigungen auch gemeinsam nutzen, dann bekommen wir von jedem Euro
der Bürgerinnen und Bürger am Ende auch mehr Verteidigungsmöglichkeiten
heraus. Es ist also nicht nur eine Frage der Sicherheit, es ist auch eine
Frage des effektiven Umgangs mit dem Geld der Bürgerinnen und Bürger, dass
nicht mehr jeder alles allein macht, sondern dass wir zu neuer Gemeinsamkeit
finden. Liebe
Freundinnen und Freunde, das zweite große Thema, was sich seit der letzten
Europawahl verändert hat, ist unsere Wettbewerbssituation in der Welt.
Spätestens in diesem Jahr kann niemand die Augen davor verschließen, dass
sich etwas verschiebt, dass sich die Gewichte der Weltwirtschaft in Bewegung
gesetzt haben. Nicht nur die protektionistischen Neigungen der USA besorgen
uns, sondern auch das Dominanzstreben der Volksrepublik China. Es gibt neue,
starke Kräfte auf der Welt, die ihren Wohlstand, aber auch ihre politische
Durchsetzungsfähigkeit vergrößern wollen. Ich denke an Indien und die
BRICS-Staaten. Europa hat in den vergangenen Jahren an Wettbewerbsfähigkeit
und Dynamik verloren. Wir schauen immer auf uns, auf Deutschland, und sorgen
uns hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung, dass wir kein Wachstum
haben. Aber Europa insgesamt hat nicht die Dynamik und Prosperität, die wir
brauchen, um unsere ehrgeizigen Ziele im sozialen und ökologischen Bereich
auch tatsächlich umzusetzen. Wir brauchen deshalb so etwas wie eine
Wachstums- und Modernisierungsagenda in Europa, in deren Zentrum die
Wiederherstellung von Wettbewerbsfähigkeit steht. Wir können nicht immer nur
nach Washington schauen und beklagen, dass die USA sich in immer stärkerer
Weise auch in den pazifischen Raum orientieren. Unser Klagen wird nichts
ändern. Wenn wir dafür Sorge tragen wollen, dass man weiter auf Europa
schaut, dass wir Einfluss haben, dass andere die Zusammenarbeit mit uns
suchen, dann müssen wir auch attraktiv sein. Eine Europäische Union als
großer, zusammenhängender Wirtschaftsraum ist für andere dann attraktiv, wenn
man in der Welt das Gefühl hat, dass Europa etwas will und dass mit Europa
auch wirtschaftlich in diesem Jahrhundert zu rechnen ist. Deshalb geht es
nicht nur darum, das schon Erreichte neu zu verteilen. Es geht auch darum,
neue Wachstumschancen für diesen Kontinent und seine Menschen zu eröffnen.
Und zwar nicht durch immer neue Subventionen. Nicht nur, wenn ich in
Deutschland oder im Bundeskabinett über wirtschaftliche Perspektiven spreche,
sondern auch in Brüssel, wenn es um die Erneuerung der Wirtschaft geht.
Zumeist geht es um die Frage: Wo bekommen wir neue Subventionen her? Da
unterscheiden sich Ursula von der Leyen und Robert Habeck nicht. Fragt man
die: Wie erneuern wir unsere wirtschaftliche Substanz? Dann ist die Antwort:
Staatliche Subventionen – im Zweifel mit Schulden finanziert. Wir werden aber
unseren Wohlstand nicht auf Dauer dadurch sichern, dass wir einfach neue
Schulden machen und das Geld an die Wirtschaft verteilen. Um es klar zu
sagen: Es ist nicht so, dass der Staat mit Subventionen die Wirtschaft
finanziert. Es ist umgekehrt. Eine starke, wettbewerbsfähige Wirtschaft stellt
dem Staat die Mittel zur Verfügung, die er braucht, um seine Aufgaben zu
erledigen. Deshalb geht es um die Stärkung privater Initiativen und nicht um
immer neue Subventionen. Im Übrigen
ist es ja auch nicht so, als gäbe es überhaupt gar keine Subventionen. Die
einen rufen immer nach mehr, mehr, mehr. Aber wir haben schon viele
Subventionen. Ich erwähne nur mal das Aufbauinstrument „NextGenerationEU“
in Höhe von 800 Milliarden Euro, das während der Pandemie gebildet worden
ist, um investiert zu werden in transformative Aufgaben, in die Erneuerung
unserer Wirtschaftsstruktur. 800 Milliarden Euro als ein Sonderfonds. Dazu
kommt aus dem regulären Haushalt auch noch die eine oder andere Milliarde,
zum Beispiel im Agrarbereich. Wer also jetzt immer neue Subventionen fordert
und als Begründung den Vergleich mit den USA und deren Inflation Reduction Act anführt, der lässt völlig außer Betracht,
dass wir bereits enorm viele Subventionen haben. Unser Wettbewerbsnachteil
gegenüber anderen, zum Beispiel den USA, ist nicht die Höhe der Subventionen
und der Staatsverschuldung. Da sind wir bereits ganz gut. Unser Problem im
Verhältnis zu den USA, unser Wettbewerbsnachteil ist, dass die den
leistungsfähigsten privaten Kapitalmarkt der Welt haben. Da müssen Start-Ups,
die wachsen wollen, sich nicht die Hacken ablaufen für eine Finanzierung. Da
müssen neue Technologien nicht lange warten, bis sie finanziert werden. Dort
gibt es privates Kapital, das auch für Innovation, Unternehmensneugründung,
für Wachstum zur Verfügung steht. Unser Wettbewerbsnachteil zu den USA ist,
dass wir 27 kleine Kapitalmärkte haben. Deshalb brauchen wir nicht mehr
Subventionen, sondern wir müssen die nächsten Schritte unseres gemeinsamen
Marktes jetzt im Kapitalmarktbereich gehen, damit wir Zukunft privat
finanzieren können. Neben dem
Kapital fehlt vielen in Europa für die Zukunft auch eines: schlicht Freiheit.
Heute ist nicht nur der Karlstag, heute wurde auch
zum ersten Mal, im Jahr 1897, ein Dieselmotor betrieben. Eine Technologie,
die es bald, wenn es nach der Europäischen Kommission geht, ja überhaupt gar
nicht mehr gäbe. Wir wissen aber, dass auch der Verbrennungsmotor
klimafreundlich mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden könnte. Ich
erwähne jetzt den Dieselmotor nicht nur wegen des Datums und wegen der
besonderen Anhänglichkeit zum Verbrennungsmotor, die man den Freien
Demokraten nachsagt. Ich erwähne es als ein Beispiel für die Art und Weise,
wie die Kommission von Ursula von der Leyen zu oft Politik gemacht hat: mit
detaillierten Einzelentscheidungen aus Brüssel, mit detaillierten Vorgaben
für Technologien oder mit dem Verbot bestimmter Technologien, von denen wir
gar nicht wissen, ob sie noch eine klimaneutrale Zukunft haben können. Jetzt,
mit Blick auf die Bauern, sagt Frau von der Leyen, man müsste auch über den
Bürokratieabbau sprechen. Es hätten sich möglicherweise zu viele und zu teure
Fesseln und Regularien angesammelt. Sie hat Recht. Aber wer ist dafür
verantwortlich? Sie selbst. Und deshalb brauchen wir, wie Marie-Agnes gesagt
hat, nicht mehr von der Leyen, sondern mehr von der Freiheit. Gerade mit
Blick auf den Agrarbereich, haben wir eine große Chance. Wir haben in
Deutschland ja die Landwirtinnen und Landwirte bei den Protesten gesehen,
auch ich selbst habe persönliche Erfahrungen im Austausch gesammelt. Es war
ein Auswärtsspiel. Wir haben die gleiche Situation in Frankreich aufgrund
einer etwas anderen Entscheidungslage. Aber auch dort gibt es die Proteste.
Wir müssen jetzt in dieser Situation erkennen, dass man die Wettbewerbsfähigkeit
auch der europäischen Landwirtschaft nicht auf Dauer mit Subventionen aus
Brüssel oder Berlin sicherstellen kann. Wir haben uns ja über Jahre an eine
Politik gewöhnt, die immer stärker reguliert und die Profitabilität der
Betriebe immer weiter einschränkt. Ich nehme mal das Beispiel einer
vierprozentigen, jährlichen Flächenstilllegung. Jedes Jahr werden
einem Betrieb seine Hektar – von denen eine Familie lebt, von denen sie ihre
Ergebnisse erzielen, ihren Gewinn erwirtschaften muss – aufgrund einer
politischen Vorgabe der EU um vier Prozent reduziert. Das ist das eigene
Eigentum, das teilweise über Generationen bewirtschaftet worden ist. Und auf
der anderen Seite gibt es dann den Wunsch und auch die Notwendigkeit
finanzieller Hilfen und Subventionen, die die Steuerzahlerinnen und
Steuerzahler aufbringen müssen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Und
deshalb, liebe Freundinnen und Freunde, ist das Einsehen von Frau von der
Leyen jetzt vielleicht auf die Situation in Frankreich und auf den Protest in
Deutschland zurückzuführen. Vielleicht ist das jetzt eine Art Wendepunkt, der
über den Agrarbereich noch hinausreicht. Wir können nicht auf Dauer
Wirtschaftsförderung immer nur mit Steuergeld machen. Es gibt auch eine
Wirtschaftsförderung, die darauf basiert, den Betrieben Freiheit zu geben und
dadurch die Profitabilität zu stärken. Das dürfen dann keine
Lippenbekenntnisse sein. Das haben nämlich die Landwirtinnen und Landwirte in
Deutschland zu oft gehört. Und deshalb muss es jetzt ganz konkrete Schritte geben.
Und ich bin froh, dass die FDP-Bundestagsfraktion hier ja auch intensiv
drängt, damit wir wirklich aus dieser schwierigen Situation, aus den
Protesten in unserem Land, die viele Menschen beschäftigen, eine Verbesserung
erreichen können. Und ich will
noch ein drittes Thema nennen, das wir europäisch angehen. Das ist die Frage
der Migration. Europa ist ein Kontinent, die Europäische Union ist eine
Gemeinschaft, die Schutz verspricht und soziale Absicherung. Und deshalb ist
die Europäische Union, zumal auch Deutschland, enorm attraktiv für Menschen
in Not oder Menschen, die für sich eine bessere Zukunft wollen. Über lange
Zeit gab es keinen Handlungsdruck in Europa und keine Möglichkeit, in der
Migrationspolitik Fortschritte zu erzielen. Wir müssen sehr offen sagen, das
lag auch und gerade an Deutschland. Seit 2015 haben die Menschen nicht nur in
Deutschland, sondern auch darüber hinaus, gewartet, dass die Europäische
Union die Herausforderung, die mit der Migration verbunden ist, annimmt. Eine
Herausforderung, die darin besteht, weiter offen zu sein für die Menschen,
die ihr Glück in unseren Arbeitsmärkten suchen. Solidarisch zu sein mit den
Menschen, die zu Recht Schutz verlangen, den wir gewähren wollen. Aber eben
auch deutlich zu machen, dass es kein Menschenrecht gibt, seinen Standort
selbst zu wählen, dass also Kontrolle und Ordnung auch in der
Migrationspolitik hergestellt werden müssen. In Deutschland haben wir eine
neue Realpolitik in der Migration in der Bundesregierung erreicht. Und das
hat erlaubt, auch auf der europäischen Ebene zu einer neuen Realpolitik in
der Migration zu kommen. Wir bleiben solidarisch mit denen, die in Not sind.
Wir bleiben offen für diejenigen, die mit uns gemeinsam etwas aufbauen
wollen. Aber wir wissen: Es ist immer das Recht der aufnehmenden
Gesellschaften, zu entscheiden, mit wem man solidarisch ist, wen man in den
Arbeitsmarkt einlädt und für wen es kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht geben
kann. Diese verantwortungsethische Einsicht können wir jetzt in Politik
umsetzen. Liebe
Freundinnen und Freunde, die Frage unserer Sicherheit, die Frage unserer
wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, die Ordnung der Migration und viele
andere Fragen sind inzwischen so groß geworden, dass keines der 27
Mitgliedsländer der Europäischen Union sie alleine lösen könnte. Ich will so
weit gehen zu sagen, die Probleme sind so groß, dass man sie entweder
europäisch löst oder sie bleiben ungelöst. Und deshalb steht am 9. Juni so
viel auf dem Spiel. Die Europawahl ist keine Wahl zweiter Ordnung, wo man
hingeht, wenn man einer Regierung oder irgendwelchen Parteien einfach einen
Denkzettel verpassen will. Bei der Europawahl geht es nun wirklich um unsere
gemeinsame Zukunft. Es geht darum, ob das Europäische Parlament
handlungsfähig ist. Es geht darum, welche nächste Europäische Kommission es
gibt. Es ist ja gut und schön, dass wir als Freie Demokraten und die
Bundesregierung regelmäßig versuchen, bei bestimmten Rechtsmaterien
korrigierend oder verhindernd oder gestaltend einzugreifen. Viel besser wäre es
aber doch, es gäbe gar nicht erst eine Europäische Kommission, die
problematische Vorschläge macht. Deshalb geht es am 9. Juni um viel. Es ist
keine Protest-, sondern eine Gestaltungswahl am 9. Juni. Und aus dem Grund
sind wir ja auch tatendurstig und kampfeslustig mit dem Beginn des Wahlkampfs
heute. Unsere designierte Spitzenkandidatin Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist
nun wirklich eine profilierte und streitbare Persönlichkeit. Und genau eine
solche profilierte und streitbare Persönlichkeit führt uns nicht nur in den
Wahlkampf. Eine solche Persönlichkeit brauchen wir auch in Brüssel und
Straßburg, um deutsche Interessen zu vertreten. Ursula von der Leyen ist als
Verteidigungsministerin in die Kommission geflüchtet. Jetzt schicken wir
Marie-Agnes hinterher. Von der Leyen wird sie nicht los. Insofern ist sie
unsere Kampfansage an all diejenigen, die aus dem faszinierenden europäischen
Gemeinschafts- und Freiheitsprojekt eine Bürokratiedrohung machen. Aber noch
viel stärker ist sie auch eine Kampfansage an die, die das europäische
Gemeinschaftsprojekt selbst zerstören wollen. Die sogenannte Alternative für
Deutschland ist inzwischen so radikal, dass selbst Marine Le Pen in
Frankreich sich distanziert von der AfD. Welchen Weckruf brauchen Bürgerinnen
und Bürger in Deutschland noch, um zu verstehen, dass sie keine Alternative
ist? Sie wollen die Europäische Union zu einem Steinbruch machen. Die
fabulieren über das Ausscheiden Deutschlands aus der Europäischen Union. Man
braucht ja nur die Situation im Vereinigten Königreich zu sehen und wie sehr
die profitiert haben vom Brexit. Die deutsche Volkswirtschaft ist noch um
Längen stärker europäisch integriert. Der Binnenmarkt ist mit
die wichtigste Quelle für unseren Wohlstand. Und davon möchte die AfD
unser Land, unsere Wirtschaft, unsere Menschen abkoppeln. Das Programm der
AfD, sprechen wir es offen aus, würde Deutschland wirtschaftlich ruinieren.
Und deshalb darf dieses Programm auf keinen Fall umgesetzt werden. Mehr noch:
Wir wissen inzwischen, wie die denken. Die haben ja versucht, sich
gelegentlich bürgerlich zu tarnen, moderat aufzutreten. Das ist keine
bürgerliche, demokratische Alternative, sondern das ist eine Gefahr für alle
bürgerlichen Werte, zu denen ja auch Rücksichtnahme, Toleranz, Weltoffenheit,
Leistungsbereitschaft sowie Respekt gehören. Sie ist eine Gefahr für die
Demokratie. Manche verharmlosen das und glauben, man kann jetzt mit einer
Stimme für die den anderen einen Denkzettel geben. Manche glauben sogar,
vielleicht wäre es ganz gut, die AfD würde einmal auch mitregieren.
Vielleicht entzaubern sie sich ja dann. Liebe Freundinnen und Freunde, es
gibt eine Lehre aus der deutschen Geschichte: Wenn diejenigen, die die
Demokratie selbst ablehnen, in Verantwortung kommen, dann zeigen die ihr
wahres Gesicht und die zögern nicht. 1933 dachte man im Januar, dass die
NSDAP sich in Regierungsverantwortung schon selbst relativiert. Zwei Monate
hat es 1933 gedauert, da war das erste Konzentrationslager errichtet und das
Ermächtigungsgesetz beschlossen. Nie wieder! Das ist nicht nur mit Blick auf
die Vergangenheit ein Appell. Nie wieder ist ein Auftrag für Gegenwart und
Zukunft, den wir annehmen. Und deshalb,
liebe Freundinnen und Freunde, geht es am 9. Juni nicht um die Karriere von
Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Am 9. Juni geht es auch nicht um die FDP.
Nicht um eine Testwahl: Wie geht es der FDP? Und kann die FDP angesichts der
Umfragen jetzt endlich einen neuen Erfolg erkämpfen? Darum geht es am 9. Juni
bestenfalls nebenbei. Es geht darum, dass wir eine Europäische Union haben,
die wieder in strategischer Hinsicht in der Lage ist, unsere Werte und
Interessen zu vertreten. Und es geht darum, dafür zu sorgen, dass im nächsten
Europäischen Parlament die Stimme der Freiheit gestärkt wird und nicht die
Rechts- und Linkspopulisten seine Funktionsfähigkeit gefährden. Es geht um
wesentlich mehr als uns. Es geht um Freiheit und Demokratie in Europa. |