L i b e r a l e N o t i z e n
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Sammlung Originaldokumente in http://www.liberale-notizen.de |
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21.04.2023 Rede
des FDP-Bundesvorsitzenden Liebe Parteifreundinnen, liebe Parteifreunde, im
vergangenen Jahr habe ich nach der Pandemie hervorgehoben, wie wichtig es
ist, dass man im demokratischen Leben zusammenkommt, dass man von Angesicht
zu Angesicht Argumente austauscht, und dass man auch abseits der Tagesordnung
miteinander Gespräche führt. Leider traf das alles auf mich letztes Jahr
nicht zu. Ich habe den Parteitag im vergangenen Jahr so genau und so präzise
verfolgt wie kaum jemals eine Parteiveranstaltung zuvor. Jedes Detail der
Antragsberatung habe ich genau verfolgt, weil mir ja auch nichts anderes
übrig blieb, denn ich durfte mein Hotelzimmer in Washington während der
Corona-Isolation nicht verlassen. Ich verspreche, dieses Jahr bleibe ich
freiwillig und mit besonderer Freude bei diesem Parteitag auf der Bühne. Immerhin konnte ich mit Erleichterung feststellen,
dass sich Geschichte nicht wiederholt. In der vergangenen Woche war ich
wiederum in Washington bei der Tagung des Internationalen Währungsfonds. Aber
ich habe es geschafft, nach Berlin zu kommen, und deshalb gibt es jetzt nach
vier Jahren auch für mich wieder einen Bundesparteitag in Präsenz. Ich kann
nur sagen: Es ist schön, mit Ihnen und Euch hier in der Station
zusammenzukommen. Das will ich mir nicht nehmen lassen. Liebe Freundinnen und Freunde, mit diesem Blick von
außen, den ich nicht nur im vergangenen Jahr reichlich hatte, sondern auch
sonst dienstlich begründet ja öfter, damit verbunden ist
eine gewisse beobachtende Distanz zu unserem Land. Der Blick von außen ist ja
manchmal hilfreich, um Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Manche
unserer innenpolitischen Debatten werden anderswo auf der Welt gar nicht
verstanden. Und manche unserer Leistungen, die werden im Ausland stärker
gewürdigt als bei uns. Beispielsweise wie es gelungen ist, in einer Phase der
Energieknappheit im vergangenen Jahr und bis in die Gegenwart dennoch die
Funktionsfähigkeit von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Auch die Verantwortung, die wir international
wahrnehmen, wird im Ausland stärker gewürdigt als bei uns selbst. Vielleicht
ist es so, wie Friedrich Wilhelm Voigt in „Der Hauptmann von Köpenick“
gesagt hat: „Det glaubst du ja nicht, wie schön
Deutschland ist, wenn man weit weg ist und immer nur dran denkt.“ Bei aller
berechtigten Kritik nämlich, liebe Freundinnen und Freunde, bei aller
berechtigten Kritik und bei allem, was wir besser machen wollen. Wir leben in
einem wahnsinnig tollen Land mit großartigen Menschen, die jeden Tag im
Großen und im Kleinen ihren Beitrag für unser gutes Zusammenleben leisten.
Darauf dürfen wir stolz sein und das dürfen wir auch nicht vergessen. Völlig klar ist: Wir wollen weiter dafür sorgen,
dass Deutschland immer stärker und immer freier und immer moderner wird. Dass
die Zukunft besser wird, als die Gegenwart ist und die Vergangenheit war. Das
ist unsere Grundüberzeugung. Zukunft ist nichts, wovor wir uns fürchten
müssen, sondern im Gegenteil, wovon wir als Freie Demokraten uns etwas
erwarten. Liebe Freundinnen und Freunde, im vergangenen Jahr
wie auch jetzt in der vergangenen Woche habe ich in Washington und bei
anderen Gelegenheiten über internationale Fragen gesprochen, und insbesondere
haben wir gemeinsam die Situation vor dem Hintergrund des schrecklichen
Angriffs Russlands gegen die Ukraine bewertet. Das haben viele von uns, auch
ich selbst, vor dem Februar des vergangenen Jahres nicht für möglich
gehalten, dass es in Europa noch einmal einen Angriffskrieg eines Staates auf
einen anderen geben könnte. Und dennoch ist das eine schreckliche Realität,
mit der wir seit über einem Jahr umgehen müssen. Wir haben seitdem
wesentliche und auch weitgehende Maßnahmen eingeleitet, die an Gültigkeit
nichts verloren haben. Zum einen die Isolation des Aggressors Russland, das
politisch, rechtlich und wirtschaftlich vollständig isoliert werden muss,
weil es kein business as usual mit denen geben kann, die das Völkerrecht brechen.
Und genauso bleibt auch nach über einem Jahr gültig, dass wir der Ukraine
Solidarität schulden. Sie kämpft eben nicht nur heldenhaft für sich, sondern
die Ukrainerinnen und Ukrainer kämpfen auch für all das, was uns heilig ist:
das Recht auf Selbstbestimmung in Frieden und Freiheit. Kein Staat darf unter dem Diktat eines anderen
stehen. Deshalb verdient die Ukraine Solidarität nicht nur aus
Mitmenschlichkeit, sondern auch in unserem wohlverstandenen eigenen
Interesse. Die Ukraine kann sich darauf verlassen, dass wir an ihrer Seite
bleiben. Und all jenen, die Putins Aggression verharmlosen oder irgendwie
erklären wollen, die Waffenlieferungen und sonstige Hilfen für die Ukraine
ablehnen, denen will ich sagen: Wer in dieser Phase der Geschichte nicht
an der Seite der Ukraine steht, der steht auf der falschen Seite der
Geschichte. Deutschland, die Bundesregierung tut ihr Möglichstes,
um die Ukraine in ihrer Durchhaltefähigkeit zu stärken. Dazu gehört die zivile Zusammenarbeit, die finanzielle
Unterstützung, aber auch die Ausrüstung mit militärischen Gütern und die
Ausbildung der Soldatinnen und Soldaten. Wir haben dann abgestimmt mit
unseren Partnern gehandelt, entschlossen in der Haltung, und auch in einer
solchen Situation muss man mit verantwortungsethischen Abwägungen, mit kühlem
Kopf die eigenen Entscheidungen formen. Das Ziel, unsere innere Einstellung
ist aber klar und muss klar bleiben: Wir leisten unseren Beitrag dazu, dass
die Durchhaltefähigkeit der Ukraine in diesem Krieg dauerhaft größer
bleibt als die Bösartigkeit, die von Putin ausgeht. Liebe Freundinnen und Freunde, wir sind im Jahr
2023. Vor 75 Jahren wurde diese stolze Freie Demokratische Partei gegründet.
In diesem Jahr ist das 75. Gründungsjubiläum unserer Partei. In der
Gründungsproklamation – in Hessen seinerzeit verabschiedet – da wurde
notiert, Freiheit sei für uns Richtschnur für alle Entscheidungen. Auch 75
Jahre nach unserer Gründung hat sich an dieser Richtschnur und ihrer
Bedeutung nichts verändert. In unserem Land wird gelegentlich der Wert der
Freiheit gering geschätzt, weil sie als eine Selbstverständlichkeit
betrachtet wird. Corona und die damit verbundenen Schutzmaßnahmen haben jeder
und jedem gezeigt, dass Freiheit alles andere als eine Selbstverständlichkeit
ist. Es mag heute wie Vergangenheit erscheinen, aber trotzdem war es eine
Charakterfrage, die politische Entscheidungsträger und auch Parteien haben
bestehen müssen oder nicht. Ich erinnere mich noch an das sogenannte „Team
Vorsicht“, das in Wahrheit ein „Team Vorschrift“ war. Der große Baumumarmer Markus Söder hat es anderen selbst draußen
untersagt, Bäume zu umarmen, weil er präventiv in Bürgerrechte eingegriffen
hat. Es fehlte nicht nur das Vertrauen auf den Einzelnen und seine
Möglichkeit, Verantwortung für das eigene Leben und die Gesundheit zu
übernehmen, sondern zum Teil harte, bisweilen auch an die Grenze und über die
Grenze der Verhältnismäßigkeit hinausgehende Maßnahmen wurden in unserem Land
beschlossen. Es ist das Verdienst insbesondere unseres liberalen
Justizministers Marco Buschmann, dass wir danach eine andere, liberalere
Politik eingeleitet haben. Und das war alles andere als unumstritten. Ich
erinnere mich noch an den Jahreswechsel 2021, als wir klar gemacht haben:
Schulschließungen und andere pauschale Schließungen, Ausgangssperren wird es
mit uns nicht mehr geben. Was sind da für
Szenarien, auch öffentlich, bemüht worden? Da gab es den Twittertrend
„Buschmann Tote“. Das war ja alles andere als unumstritten, diese Veränderung
hin zu einer liberaleren Pandemie-Politik umzusetzen. Und am Ende haben uns
die Ergebnisse Recht gegeben. Oder anders gesagt: Die Bürgerinnen und Bürger
haben uns Recht gegeben, denn sie sind verantwortungsbewusst mit ihren
Freiheiten umgegangen. Und aus diesem Grund will ich 75 Jahre nach Gründung
einer Freien Demokratischen Partei in Deutschland erneut feststellen: Es sind
nicht die Bürgerinnen und Bürger, die ihre Freiheit begründen müssen. Es ist
immer der Staat, der begründen muss, wenn er in die Freiheit der Menschen
eingreift. Liebe Freundinnen und Freunde, Freiheit als
Richtschnur, das gilt nicht nur für unsere eigene Gesellschaft. Das ist unser
Anspruch auch international. Die Volksrepublik China ist inzwischen ein
systemischer Rivale mit einem globalen Dominanzanspruch. Wir treiben Handel
mit China. Und China ist ein wichtiges Gegenüber dem Welthandel, von einer
kaum zu überschätzenden Bedeutung auch für die deutsche Wirtschaft. Wir müssen realistisch sein. Das wird nicht über
Nacht zu verändern sein. Vielleicht sollte es über Nacht auch gar nicht
verändert werden. Vielleicht sollten eher andere Weltregionen schrittweise an
Bedeutung gewinnen, sodass man sich nicht einseitig aus China und aus den
Handelsbeziehungen zurückziehen muss. Sie bleibt also ein wichtiger Partner
in wirtschaftlichen Fragen, diese Volksrepublik China. Aber bei jeder Gelegenheit sollten wir als Liberale
und als Deutschland insgesamt die Frage von Menschenrechten und Völkerrecht
thematisieren. Die Samtpfötigkeit, die es teilweise
in der Vergangenheit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber China
gab, sie war ein Fehler. Es darf niemals der Eindruck entstehen, dass wir uns
für gute Geschäfte unsere liberalen Werte abkaufen lassen. Das kann man von der FDP nicht sagen, dass uns
wirtschaftlich Entwicklungschancen unwichtig wären. Im Gegenteil wollen wir,
dass wir über weltweiten Handel auch hierzulande unseren Wohlstand stärken.
Aber auch wir machen selbst deutlich, wo für uns die Prioritäten liegen. Es
war Bettina Stark-Watzinger, die nach 25 Jahren,
das erste Mitglied eines Bundeskabinetts war, das Taiwan besucht hat. Denn
für uns ist Freiheit unteilbar. Die Unteilbarkeit der Freiheit ist für uns
Orientierung in unserer Gesellschaftspolitik. Marco Buschmann setzt dort
fort, nur beispielhaft, das Namensrecht und andere wichtige Vorhaben. Von
konservativer Seite wird ja mitunter beklagt, dass eine liberale
Gesellschaftspolitik, dass unsere moderne, progressive Gesellschaft
gesellschaftlichen Zusammenhalt einbüßen würde. Dass traditionelle Werte wie
Nation, die dörfliche Gemeinschaft und die Familie relativiert werden würden
dadurch, dass Menschen Emanzipation leben und Selbstbestimmung. Richtig ist: Für uns als Liberale ist es wichtig,
Zusammenhalt zu stiften, aber keinen, der sich allein aus Tradition ergibt,
sondern aus freier Selbstbestimmung. Wir zerstören also nicht traditionellen
Zusammenhalt, sondern im Gegenteil wir ermöglichen neuen, wenn zum Beispiel
mit der Verantwortungsgemeinschaft eine neue Institution geschaffen wird, wo
Menschen in freier Selbstbestimmung füreinander Verantwortung übernehmen
können. Das ist unsere gesellschaftspolitische Vision. Und wir grenzen uns ab von jenen von links, die
gewissermaßen Verhaltensanweisungen geben wollen, aber auch gegenüber jenen
von rechts wie Markus Söder, der giftet gegen „Woke-Wahnsinn“.
Wir urteilen nicht, liebe Freundinnen und Freunde, über Lebensstile. Für uns
gilt nicht als fortschrittlich, wer in Berlin Mitte mit Lastenfahrrad lebt,
aber eben auch nicht als rückständig, wer den Lebensstil der
Mehrheitsgesellschaft prägt. Das Leben mit Verbrennungsmotor im Thüringer
Wald ist nicht besser oder schlechter als das Leben mit Lastenrad im
Prenzlauer Berg. Es sind schlicht freie Lebensentscheidungen, die beiderseits
Respekt verdienen. Das friedliche und freie Zusammenleben unserer
Gesellschaft wird bedroht von wirklichen Gegnern dieser Gesellschaft und
ihres Staates, wie etwa den Reichsbürgern, die sich sogar Zugang zu Waffen
verschafft haben und Umsturzfantasien geprägt haben. Klar ist: Das
Gewaltmonopol liegt beim demokratischen Rechtsstaat. Aber auch jenseits dieser extremistischen
Bedrohungen wird unser gesellschaftlicher Konsens in Frage gestellt. Man
sieht das ja dieser Tage auch bei mancher Beschränkung unserer
Bewegungsfreiheit. Ich sehe mit Sorge eine gewisse Sympathie in der
öffentlichen Diskussion für die sogenannten Klimakleber. Da wird dann gesagt,
nun ja, das seien Belastungen im Alltag und Einschränkungen der Mobilität.
Aber die Motive, die seien ja edel. Was sollten denn auch Menschen tun, die
den Eindruck hätten, es würde zu wenig in der Klimapolitik getan, was sollen
sie denn anderes tun, als Autobahnen blockieren? Ich habe eine Antwort
darauf: Wer eine andere Politik will, der kann in die Politik gehen, eine
Partei gründen und Mehrheiten für seine Positionen erwerben. Kein noch so
edles und nachvollziehbares Motiv kann darüber hinwegtäuschen, dass das
Blockieren von Autobahnen, Straßen oder andere Maßnahmen nichts anderes sind
als physische Gewalt. Und physische Gewalt darf niemals ein Mittel
demokratischer Auseinandersetzung sein. Zumal die konkreten Forderungen nun wirklich
außerordentlich bescheiden sind: 9-Euro-Ticket und Tempolimit. Volker Wissing
als Verkehrsminister – ich komme später an anderer Stelle noch einmal darauf
zurück – mit seinem Einsatz beispielsweise für die Modernisierung des
öffentlichen Personennahverkehrs, mit dem Deutschland-Ticket, endlich einem
digitalen Nahverkehrstarif, der das Leben leichter macht und den ganzen
Bürokratismus im Bereich des Nahverkehrs reduziert, Volker Wissing macht
konkret mehr für den Klimaschutz als die Forderungen der letzten Generation
und der Klimakleber. Liebe Freundinnen und Freunde, Tempolimit und
9-Euro-Ticket – das sind ganz kleine Ideen. Kleine Ideen, großer Ärger.
Umgekehrt wäre es besser: Große Ideen, kleiner Ärger. Darüber könnte man
sprechen. In diesen Tagen, liebe Freundinnen und Freunde,
beschäftigen wir uns alle sehr viel mit Zahlen – ich zumal. Es gibt ja diesen
berühmten deutschen Schlager: „Ach, das bisschen Haushalt“. Das hat noch nie
gestimmt. Aber ich darf sagen mit Blick auf die öffentlichen Budgets stimmt
es mindestens auch nicht. Die Zahlen zeigen ganz nüchtern, liebe Freundinnen
und Freunde, wir haben in Deutschland ein Ungleichgewicht zwischen
Vergangenheit und Zukunft. Das zeigt sich ganz konkret in unseren
öffentlichen Haushalten. In diesem Jahr werde ich als Finanzminister im
Bundeshaushalt allein 40 Milliarden Euro an Kapitaldienst, also an Zins, für
Schulden der Vergangenheit aufwenden. Im Jahr 2021 waren es 4
Milliarden Euro. 36 Milliarden Euro mehr also an Last innerhalb
weniger Monate. 36 Milliarden Euro, die nicht zur Verfügung stehen, um
investiert zu werden in Bildung oder Digitalisierung, in die Modernisierung
der Infrastruktur, den Ausbau sozialer Sicherung oder die Entlastung der
Bürgerinnen und Bürger. 36 Milliarden Euro mehr als 2021, einfach nur,
um Verpflichtungen gegenüber der Vergangenheit zu bedienen. Aus diesem Grund,
liebe Freundinnen und Freunde ist das Festhalten an der Schuldenbremse nicht
irgendein Fetisch. Es ist noch nicht einmal nur ein Befehl der Verfassung. Es
ist ein Gebot der ökonomischen Klugheit, dass wir nicht weiter auf Kosten der
Zukunft wirtschaften. Mitnichten hat diese Haushaltssituation im Übrigen
etwas zu tun mit den aktuellen Krisen. Selbstverständlich ist der
Schuldenstand Deutschlands durch die Bekämpfung der Corona-Pandemie
gestiegen. Und ja, auch jetzt haben die Strom- und Gaspreisbremse etwa die
Verschuldung unseres Staates erhöht. Aber viel entscheidender ist etwas
anderes: Wir haben im nächsten Jahr zum ersten Mal voraussichtlich mehr als 1
Billion Euro Steuereinnahmen. Auch der Bundeshaushalt wird über
Rekordeinnahmen verfügen. Aber dennoch reicht das Geld, das die Bürgerinnen
und Bürger der Politik zur Verfügung stellen, nicht aus, um bestehende
gesetzliche Verpflichtungen zu finanzieren. In der Vergangenheit nämlich, während der
vergangenen zehn Jahre, wurden immer neue Leistungen von der Politik
beschlossen, namentlich von der Großen Koalition. Ich nenne als ein Beispiel
von vielen den Beschluss, eine Rente mit 63 einzuführen, die natürlich eine
Auswirkung auf den Bundeszuschuss in die Rentenkasse hat. Über ein Jahrzehnt,
übrigens unter Führung der CDU, wurde der künstlich niedrige Zins, den wir
hatten, der Negativzins, den wir hatten, die Situation, dass der Staat am
Schuldenmachen noch verdient hat, das wurde nicht genutzt, um wirklich das
Fundament unserer öffentlichen Finanzen zu erneuern, sondern es wurden immer
neue Leistungen geschaffen, die nicht nachhaltig finanziert sind. Jetzt kommt
der Bumerang der unsoliden CDU-Finanzpolitik zurück. Deshalb müssen wir jetzt neu lernen, die Politik
muss neu lernen, mit dem Geld auszukommen, das die Bürgerinnen und Bürger zur
Verfügung stellen. Das ist ein Gebot auch der Bekämpfung der Inflation. Ich
hatte mehrfach darauf hingewiesen: Ich war vergangene Woche beim
Internationalen Währungsfonds und dessen Expertinnen und Experten geben uns
und allen Volkswirtschaften den dringenden Rat: Reduziert die hohen Ausgaben,
denn hohe Ausgaben auf Pump treiben die Inflation. Die Notenbanken ziehen die
Geldpolitik an, die Zinsen steigen auch mit negativen Effekten. Wenn dann auf
der anderen Seite aber die Staaten auf Pump weiter Ausgaben beschließen, dann
konterkarieren sich Geld- und staatliche Finanzpolitik, dann wird die
Inflation nicht bekämpft. Sie ist ohnehin ein zähes Biest, diese Inflation. Oberste Priorität muss haben, die Preisstabilität
wiederherzustellen. Oberste Priorität muss haben, die Inflation zu
überwinden, denn sie ist ein Verarmungsprogramm für die breite Mitte der
Gesellschaft. Sie hindert die Wirtschaft an notwendigen Investitionen, weil
man immer glaubt, die Preise könnten sich verändern und ein späterer
Zeitpunkt wäre besser. Sie verändert die Marktwirtschaft selbst und die
Möglichkeit, wie der Preis aufgrund von Angebot und Nachfrage zusammenkommt.
Die Bekämpfung der Inflation hat für die wirtschaftliche Entwicklung also
oberste Priorität. Und nur weil es unbequem ist, dürfen wir uns dieser
Aufgabe nicht verweigern. Nur weil die Prioritätensetzung, mit dem
vorhandenen Geld auskommen zu müssen, unbequem ist, dürfen wir uns dieser
Aufgabe nicht verweigern. Allenthalben werden aber Bypässe gesucht. Ich schaue etwa zu euch nach Bremen, Thore [Schäck]. Die Landesregierung in Bremen will jetzt auf
Dauer Krisenkredite aufnehmen an der Schuldenbremse vorbei, mit dem Argument,
wir müssen ja die Dekarbonisierung, die
Transformation zu einer klimaneutralen Gesellschaft finanzieren, andernfalls
droht ja eine Krise, also nehmen wir präventiv Krisenkredite auf. Ich nenne
das mal eine kreative Argumentation. Aber ich glaube nicht, dass sie
ökonomisch überzeugt, und verfassungsrechtlich sind Zweifel begründet. Am heutigen Tag meldet sich die
Wirtschaftsministerin des schwarz-grünen
Nordrhein-Westfalen zu Wort. Sie fordert einen Industrie-Strompreis,
finanziert mit öffentlichem Geld, also Subventionen für die Industrie. Ich
will jetzt die Frage eines mit öffentlichem Geld subventionierten
Industrie-Strompreises im Einzelnen hier nicht diskutieren. Man könnte
fragen, ob das nicht dazu führen kann, dass Mittelstand und Handwerk, die
hohe Preise zahlen müssen, gegenüber der Industrie, die subventionierten
Preise bekommen, ob das nicht den Wettbewerb verzerrt, könnte man fragen. Man
könnte fragen, ob das eigentlich sinnvoll ist, drei sichere, klimaneutrale
Kernkraftwerke abzuschalten, die auch einen Effekt auf den Strompreis haben,
und auf der anderen Seite dann die gestiegenen Strompreise mit Steuergeld
runtersubventionieren zu wollen. Man dürfte Fragen nach dem Sinn stellen. Aber diese ordnungspolitischen Debatten werden uns
gewiss demnächst in der Politik noch ereilen. Ich will sie heute gar nicht
abschließend ausführen. Ich will nur auf den Umstand hinweisen, dass auch im
schwarz-grünen Nordrhein-Westfalen von der dortigen Vize-Ministerpräsidentin
und Wirtschaftsministerin gesagt wird, wir könnten ja die Mittel des
Wirtschafts- und Stabilisierungsfonds, also die Krisenmittel, die wir zur
Finanzierung der Strom- und Gaspreisebremse aufgenommen haben, die, wenn das
nicht genutzt wird, die könnten wir jetzt ja einsetzen für solche Subventionen.
Liebe Freundinnen und Freunde, egal aus welchem Topf, auf welcher
Rechtsgrundlage Schulden gemacht werden, Schulden sind Schulden, für die man
Zinsen zahlen muss. Und deshalb dürfen wir uns nicht strangulieren. Angesichts dieser Zinsentwicklung müssten wir sonst
in Kürze entweder scharf öffentliche Leistungen kürzen oder die Steuern
erhöhen. Aber Steuern erhöhen, um Zinsen für die Schulden der Vergangenheit
zu zahlen, das wäre volkswirtschaftlich nun wirklich kein guter Rat. Wir
wollen keine Debatte abwürgen. Wir werden intensive Haushaltsberatungen
haben. Man muss schon sehen, welche Unterschiede es in diesen Ausgangslagen
einer engagierten Haushaltspolitik gibt. Es sind zum Beispiel immer wieder Forderungen zu
hören, das sogenannte Dienstwagenprivileg solle abgeschafft werden, das
sollte man streichen, um dann was auch immer zu finanzieren. Es gibt kein
Dienstwagenprivileg, sondern es gibt nur eine Entlastung von der ärgerlichen
Bürokratie, ein Fahrtenbuch zu führen, durch eine Pauschalversteuerung. Aber
was mich besonders reizt an diesem Wort „Dienstwagenprivileg“ ist der
Eindruck, der erweckt wird. Dienstwagenprivileg – wer dieses Wort ausspricht,
der will doch beim Zuhörer das Bild erwecken: Bentley, S-Klasse. Die Wahrheit
aber ist: Der beliebteste Dienstwagen in Deutschland, das ist der VW Passat
Variant, auf Platz zwei Ford Focus Turnier. Das sind die Dienstwagen der
arbeitenden Mitte in Deutschland. Das sind die Menschen, die in Deutschland
arbeiten, pendeln, Steuern und Abgaben zahlen. Und diejenigen, die im
Außendienst tätig sind oder pendeln, die sollen jetzt belastet werden, um auf
der anderen Seite den Lifestyle anderer zu finanzieren. Und das kann nicht
gerecht sein. Wir werden weiter dafür sorgen, dass nicht die Passatfahrerin
ins Zentrum der Umverteilungsfantasien von anderen kommt. Denn das ist die
breite Mittelschicht in Deutschland und nicht ihre Champagner-Etage. Wir werden stattdessen prüfen, was wir nicht
brauchen. Ich nenne mal ein eigenes Beispiel aus meinem Verantwortungsbereich.
Ich wünsche mir Nachahmer. Es war geplant noch von meinem Vorgänger, dass das
Bundesministerium der Finanzen einen Anbau erhält. Diese Planung datiert
zurück auf die Zeit vor der Pandemie. Inzwischen gibt es in meinem
Ministerium eine Personalvereinbarung, die 65 Prozent ortsflexibles Arbeiten
vorsieht, übrigens sogar die höchste mögliche Quote von allen Ministerien,
weil wir als Liberale eben auch Vertrauen in die Beschäftigten setzen. Das
muss aber doch natürlich Auswirkungen auf das Raumprogramm haben. Und auch
die Räume, die man nutzt, wenn bis zu 65 Prozent flexibel im Home Office
arbeiten, dann benötigen sie offensichtlich während dieser Zeit nicht ihr
Büro. Also muss doch auch eine solche Veränderung der Arbeitswelt
Auswirkungen haben auf die Gebäude, die der Staat für sich selber plant. Was
nicht geht, ist, dass wir bei anderen sparen. Ich bin fest davon überzeugt,
dass zum Führungsauftrag einer Regierung ebenfalls gehört, die eigenen Pläne
auf den Prüfstand zu stellen. Zum zweiten: Prioritäten setzen dort, wo es
unabweisbare Notwendigkeiten gibt, zum Beispiel bei der Bundeswehr. Und dann
drittens feststellen, dass manches vielleicht wünschenswert ist, aber
mindestens gegenwärtig nicht finanzierbar ist. Es gilt eben, erst muss
Wohlstand erwirtschaftet werden, bevor er verteilt werden kann. Dies gilt, wie ich nur kurz andeuten will, auch für
den Bereich unserer Sozialversicherungssysteme. Wir haben verabredet in der
Koalition, dass wir bei der Rente zukünftig ein Sicherheitsniveau von 48
Prozent einhalten wollen. Und ich verstehe das Anliegen der Sozialdemokratie.
Aber dieses Anliegen der Sozialdemokratie in einer alternden Gesellschaft
wird unweigerlich dazu führen, dass die Beiträge für die Aktiven stark
steigen werden. Sie werden ohnehin aufgrund des demografischen Wandels
stärker in Anspruch genommen werden, die jüngere Generation. Heute ist die
Quote ja eins zu drei. Wir müssen befürchten, es wird eins zu zwei sein. Aber
durch eine solche Sicherungsmaßnahme droht die jüngere Generation noch stärker
in Anspruch genommen zu werden. Wir haben als Freie Demokraten deshalb ja schon vor
einigen Jahren das Konzept der Aktienrente vorgeschlagen. Wir werden es in
diesem Jahr auch umsetzen in der Form eines Generationenkapitals, also des
politischen Plans, in der gesetzlichen Rentenversicherung Kapital anzulegen,
das dann mit Zins und Zinseszins wächst und das wir nutzen wollen, um die
Beitragssteigerungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu dämpfen. Wir
haben verabredet: 10 Milliarden Euro im Jahr 2023. Wir haben uns
intensiv mit den Plänen beschäftigt. Wir sind in der Konkretisierungsphase.
Die Verabredung des Koalitionsvertrages 48 Prozent Sicherheitsniveau und
einmalig 10 Milliarden Euro Generationenkapital, das allein wird keinen
Beitrag leisten, unser Rentensystem zu stabilisieren. Wir müssen die Ambition
haben, deutlich über den Koalitionsvertrag hinauszugehen. Damit unser
Rentensystem stabil bleibt, müssen wir von heute an bis Ende der dreißiger
Jahre in jedem Jahr mindestens 10 Milliarden Euro Generationenkapital
bilden, verzinsen und nutzen, weil sonst die Größenordnung nicht stimmt. Wir brauchen die Erträge aus diesem
Generationenkapital, um die Beitragszahler zu schützen. Das muss doch auch
ein Anliegen unserer Koalitionspartner sein. Denn die Beiträge zur
Rentenversicherung werden doch eben nicht geleistet von den Millionären und
Multimillionären. Das ist doch ebenfalls die arbeitende Mitte in Deutschland,
doch bereits der sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit Mindestlohn
leistet doch Rentenversicherungsbeiträge. Und für den muss genauso das
Rentensystem fair sein wie für die Generation der Rentnerinnen und Rentner.
Großeltern und Enkelgeneration stehen gemeinsam im Zentrum unserer
Anstrengungen. Erwirtschaften vor Verteilen bedeutet, dass wir
unser wirtschaftliches Fundament stärken müssen. Wir tun das, indem wir die
Bremsen für wirtschaftliches Wachstum in unserem Land bestimmen und an ihnen
arbeiten. Beispielsweise indem wir die Einwanderung von Fachkräften nach
Deutschland wesentlich erleichtern. Zu einem modernen Einwanderungsmanagement
gehört allerdings nicht nur, sich mit den Lebenslügen der deutschen
Konservativen zu beschäftigen, unser Land sei kein Einwanderungsland. Es ist
ein Einwanderungsland. Und qualifizierte Einwanderung muss besser gelingen.
Auf der anderen Seite müssen wir uns allerdings auch mit mancher linken
Lebenslüge beschäftigen, dass es gewissermaßen eine unkontrollierte
Einwanderung in unser Land geben dürfte. Das darf nicht sein. Unkontrollierte
Einwanderung nach Deutschland würde zwangsläufig zur Beschädigung unserer
öffentlichen Ordnung und zur Beschädigung unseres Sozialstaates führen.
Deshalb brauchen wir genauso wie die qualifizierte Einwanderung einerseits
eine präzise Unterscheidung zwischen denen, denen wir aus humanitärer
Solidarität bei uns Schutz gewähren, die wir in den Arbeitsmarkt einladen
oder die in Deutschland eben kein Aufenthaltsrecht haben können. Also Fachkräfteeinwanderung, Beschleunigung der
Planungs- und Genehmigungsverfahren für die Infrastruktur – übrigens
insbesondere auch bei den Autobahnen. Es ist gelungen, 144 Autobahnprojekte
mit einer Länge von gut 1.000 Kilometern zu bestimmen, dass sie zukünftig im
überragenden öffentlichen Interesse sind, weil sie es sind. Die Schließung
von Engpassstellen und die Beseitigung von Staubrennpunkten, das ist im
überragenden öffentlichen Interesse, weil Logistikketten in unserem Land
funktionieren müssen und weil nichts schlechter für den Klimaschutz ist, als
dass Benzin und Diesel im Stau verbrannt werden. Im Naturschutz wird es eine große Veränderung geben,
die wir beschlossen haben. Sie wissen, dass für Vorhaben, etwa eine neue
Produktionsfabrik, die man erstellen will und die Flächen benötigt, aufgrund
des Naturschutzrechts eine Ausgleichsfläche bereitgestellt werden muss. Oft
genug ist es ein bürokratisches und langwieriges Verfahren. Die
Bundesregierung, diese Koalition, wird das verändern. Wir werden zukünftig
dafür sorgen, dass nicht nur ein Investor durch wirkliche
Flächenkompensation, also die Anzeige einer anderen Fläche, diesem
naturschutzrechtlichen Grundsatz nachkommen kann, sondern dass man auch
Ausgleichszahlungen leisten kann, damit man nicht zwei, drei, vier Jahre
warten muss, bis man den Stempel hat, dass der Ausgleich gelungen ist, sondern
dass man dann mit seiner Maßnahme beginnen kann, wenn die betriebliche
Notwendigkeit es begründet. Ich glaube, das ist ein Paradigmenwechsel, der im
Alltag an vielen Orten zu Tempo führt. Ich bin zudem überzeugt, dass das im besten Sinne
ein Win-Win-Verhältnis
ist. Innerhalb der Koalition auch. Denn ich konnte gestern bei den
Familienunternehmen darüber berichten. Ich konnte sehen, dass viele
Mittelständler, die im Alltag damit Probleme haben, dachten, endlich kommt in
dieser Frage Tempo. Endlich wird das Naturschutzrecht an dieser Stelle
weniger bürokratisch. Aber genauso bin ich überzeugt, dass die Vorsitzende
von Bündnis 90/Die Grünen auf einer Versammlung von Naturschützern für dieses
Vorhaben Applaus ernten würde, weil nicht nur für die Investoren vor Ort die
Realisierung des eigenen Vorhabens beschleunigt wird. Zukünftig wird es auch
möglich sein, in größeren Biotopverbünden zu denken und nicht nur in vielen
kleinen Flächen, was bedeutet, biologisch wertvollere Maßnahmen hinsichtlich
der Bioviversität können eingeleitet werden und das
ist für mich im besten Sinne ein Win-Win
Verhältnis, wirtschaftliche Prosperität und Schonung natürlicher
Lebensgrundlagen zu vereinbaren. Und wir werden auch steuerliche Anreize diskutieren
müssen, um die wirtschaftliche Entwicklung in unserem Land zu stärken, wir
reden über Abschreibungen und anderes mehr. Mir wird da übrigens von
Koalitionspartnern entgegengehalten, ich würde Wasser predigen und Wein
trinken. Wenn ich vorschlage Abschreibungen für den Mittelstand, Investitionsprämien
für neue klimafreundliche Technologie, oder Stärkung der Forschungsförderung,
dann wird mir gesagt, ich würde anderen Wasser predigen und selber Wein
trinken. Mal ganz abgesehen davon, dass auch die Vorhaben des Finanzministers
unter dem allgemeinen Finanzierungsvorbehalt stehen, dass ein Haushalt
beschlossen werden muss. Ich finde, es macht dennoch politisch einen
Unterschied, ob man Dinge auf den Weg bringen will, die die wirtschaftliche
Basis unseres Landes stärken und die Volkswirtschaft erneuern sollen, oder ob
man auf der anderen Seite Steuergeld für Subventionen oder andere Vorhaben
verteilen will. Für mich macht es einen Unterschied, ob man das
wirtschaftliche Fundament stärkt oder ob man auf seiner Grundlage verteilen
will. Um die großen Veränderungen, dieses
Veränderungswunder, das wir in den nächsten Jahren brauchen, in Deutschland
zu gewährleisten, ist eine Ressource entscheidend: Freiheit und
Einfallsreichtum der Menschen. Wir können schlicht doch gegenwärtig gar nicht
wissen, welche Technologie sich zukünftig durchsetzen wird. Es ist eine
Selbstverständlichkeit, aber leider ist es nicht ohne Belang, sie immer
wieder auszusprechen. Fortschritt entsteht nicht am Schreibtisch in den
Ministerien. Und es sind auch nicht einzelne wenige Politikerinnen und
Politiker, die sozusagen in den Plan der Geschichte eingeweiht sind und sie
deshalb mit harten Entscheidungen, Verboten, Geboten, Subventionen und
gesetzlicher Lenkung vorgeben können. Zukunft wird gemacht in der Mitte der Gesellschaft,
im täglichen Miteinander, im Ideenwettbewerb unterschiedlicher Konzepte. Man
setzt auf das eine Produkt oder die andere Dienstleistung. Eine
Wissenschaftlerin strebt diese Erkenntnis an, überlässt eine andere dem
Kollegen im millionenfachen Miteinander. Jeden Tag wird in der Gesellschaft
Fortschritt gemacht. Da wird Neues hervorgebracht und anderes wird verworfen,
weil es nicht funktioniert. Deshalb ist die wichtigste Ressource, die wir für
unseren Fortschritt haben, der Erhalt des Ideen-Wettbewerbs, der Marktwirtschaft.
Das Erfinden muss wichtiger bleiben als das Verbieten. Dafür, liebe
Freundinnen und Freunde, sorgen wir jetzt auch. Wovon ich hier als Anspruch spreche, das ist nicht
mehr nur Wort, sondern das sind konkrete politische Vorhaben. Wir werden das
Klimaschutzgesetz in Deutschland novellieren. Das Klimaschutzgesetz kommt von
der Großen Koalition und es sieht für jeden Bereich unseres Lebens, man sagt
Sektoren, präzise jährliche Einsparziele vor. Nun weiß aber jeder, dass es in
bestimmten Bereichen unseres Lebens Trägheiten
gibt, aufgrund in der Vergangenheit von den Menschen getroffenen
Entscheidungen. Ich nenne das Beispiel Gebäude und Heizung, ich nenne das
Beispiel Verkehr. Wenn irgendwo kein Bahnhof ist, kann man nicht auf den ÖPNV
umsteigen. Wenn man ein Auto gekauft hat, dann wird man nicht ein Jahr später
ein neues kaufen. Da gibt es Trägheiten. Im Übrigen gibt es auch Fortschritt in der
Industrie, der so überhaupt gar nicht zu sehen war, weil aufgrund neuer
Technologien oder veränderter Wettbewerbsbedingungen in der Welt schneller
als gedacht Einsparziele bei den Treibhausgasemissionen möglich sind. Deshalb
war die Orientierung der Großen Koalition an diesen jährlichen Sektorzielen, die hart eingehalten werden mussten, ein
Fehler. Wir werden jetzt ermöglichen, dass sich die unterschiedlichen
Sektoren helfen können. Wenn es leichter ist, eine Tonne CO2 im Bereich der
Industrie einzusparen, dann hilft diese zusätzlich eingesparte Tonne CO2,
dass Menschen weiter so mobil bleiben können, wie sie es wollen. Das ist mehr
Marktwirtschaft im Klimaschutz. Liebe Freundinnen und Freunde, das ist konkret mehr
Marktwirtschaft im Klimaschutz. Da geht es nicht darum, das Ambitionsniveau
unseres Landes insgesamt zu reduzieren wie manche uns das vorhalten. Sondern
es geht darum, die effektivsten Mittel einzusetzen, jene die möglichst viel
freie Lebensentscheidungen für die Menschen offenhalten, jene Mittel, die je
eingesetztem Euro den größten Klimaeffekt haben. Umgekehrt muss man fragen,
was eigentlich diejenigen bezwecken, die an den harten Sektorzielen
festhalten wollten. Ich nenne keine Namen, aber unter ihnen sind auch
führende Köpfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Was bezwecken die damit? Im
Verkehrsbereich ist es aufgrund unserer Infrastruktur, aufgrund der
Situation, aufgrund der Lebensentscheidungen der Menschen eben sehr schwer,
die CO2-Einsparziele, die sehr ambitioniert sind, in jedem Jahr umzusetzen.
Im Grunde müsste man fortwährend Sofortprogramme in jedem Jahr beschließen,
und zwar mit harten, teilweise drakonischen Maßnahmen. Wollte Volker Wissing auf Punkt und Komma in seinem
Sektor, den er verantwortet, würde er die Klimaziele, die ihm vorgegeben
sind, eins zu eins in seinem Sektor einhalten wollen, dann reden wir nicht
übers Tempolimit, dann reden wir in wenigen Jahren davon, dass wir über
Fahrverbote nachdenken müssen: Wer kein Elektroauto hat, der bekommt am
Sonntag ein Fahrverbot. Ich bin überzeugt, die Mehrheit der Bevölkerung würde
solche drakonischen Maßnahmen und Eingriffe in ihre Freiheit ablehnen. Wir brauchen aber, liebe Freundinnen und Freunde,
wenn wir das Ziel der Treibhausgasneutralität 2045 erreichen wollen, die
Zustimmung der Bevölkerung. Es wird nicht möglich sein, einen so großen
Veränderungsprozess, wie er vor uns steht, erfolgreich abzuschließen, ohne
dass die breite Mehrheit in der Bevölkerung mitzieht. Und zwar sowohl beim
Tun als auch an der Wahlurne, wenn abgestimmt werden muss. Deshalb wundere
ich mich über diejenigen, die gegen die Mehrheitsauffassung der Gesellschaft
Maßnahmen durchdrücken wollen. Unsere Aufgabe muss sein, die Mehrheit der
Gesellschaft für Veränderungen zu gewinnen und sie nicht vor den Kopf zu
stoßen. Deshalb war es richtig, dass Volker Wissing sich am
Ende durchgesetzt hat. Es gibt jetzt ein Verbot des Verbrennerverbots.
Liebe Freundinnen und Freunde, im Sinne der Technologiefreiheit war das eine
fortschrittliche Entscheidung. Wir wollen synthetische Kraftstoffe
ermöglichen, die klimaneutral sind. Übrigens werde ich im Steuerrecht
vorschlagen, diese genauso zu behandeln wie Elektrofahrzeuge, weil beide in
gleicher Weise dem Klima helfen. Ich bin davon überzeugt, dass sie in der
Bestandsflotte der vielen Millionen Fahrzeuge, die wir auf der Straße haben,
eine große Rolle haben werden, und möglicherweise immer noch eine Rolle haben
werden bei Neufahrzeugen ab 2035. Ich kann es nicht wissen. Niemand kann das
wissen. Aber wenigstens halten wir diesen Technologiepfad offen. Jetzt gibt es andere, die sagen uns fortwährend: E-Fuels sind nicht wirtschaftlich. Übrigens glaube ich das
tatsächlich auch, wenn man daran denkt, die sollten alle in Deutschland
produziert werden. Sinnvollerweise werden synthetische Kraftstoffe aber dort
produziert, wo viel Sonne verfügbar ist. Nicht zwingend in Deutschland,
sondern die kommen dann mit Hilfe anderer Infrastrukturen nach Deutschland.
Aber es wird uns trotzdem immer gesagt: „Die sind nicht wirtschaftlich, das
wird nicht gelingen.“ Und da frage ich mich ja, wenn die nicht wirtschaftlich
sind, dann müsste man sie auch gar nicht verbieten wollen, dann kann das ja
der Markt entscheiden. Aber mehr noch, liebe Freundinnen und Freunde, es sind
die gleichen Leute, die uns sagen, die Wärmepumpe wird in zwei Jahren ganz
günstig sein, die uns gleichzeitig aber sagen, selbst in den dreißiger Jahren
werden E-Fuels nie wirtschaftlich sein. Ich glaube,
wenn man an Marktwirtschaft glaubt, dann bei der Wärmepumpe genauso wie bei
den E-Fuels. Apropos heizen: Wenn wir 2045 ein klimaneutrales
Land sein wollen, werden wir irgendwann anfangen müssen, auch im
Gebäudebereich zu Veränderungen und zu Fortschritt zu kommen. Die CDU/CSU
macht es sich leicht. Selbst haben sie nahezu nichts getan, als sie in
Verantwortung standen. Jetzt stehen sie am Rand in der Opposition, machen
keine eigenen Vorschläge, sondern sagen nur: „Schlecht“. So einfach können
wir uns das nicht machen, denn wir stehen in Verantwortung. Und ich empfehle
uns, dass wir weiter am Ziel festhalten, dieses Land klimaneutral zu machen.
Aber wir müssen auf die richtige Weise zur Klimaneutralität kommen. Das gilt
nicht nur für unser Land insgesamt, sondern auch für den Bereich von Gebäuden
und Heizung. Die ursprünglichen Vorschläge, die einmal
unterbreitet worden sind mit harten Austauschpflichten und einer einseitigen
Orientierung nur auf eine Erfüllungsmöglichkeit von 65 Prozent erneuerbarer
Energien in der eigenen Heizung, das liegt hinter uns. Fragen der
Wirtschaftlichkeit, Härtefälle, Technologieoffenheit, da haben wir
Fortschritte erzielen können. Eines muss man aber dennoch sagen: Der jetzt
vom Kabinett gebilligte Entwurf eines Gebäudeenergiegesetzes ist noch nicht
das, was am Ende vom Bundestag beschlossen werden sollte. Ich hoffe also
darauf und bin mir sicher, dass wie immer im parlamentarischen Verfahren mit
dem Sachverstand unserer Kolleginnen und Kollegen und durch die öffentliche
Debatte das Gebäudeenergiegesetz zu dem gemacht wird, was wir brauchen,
nämlich ein technologieoffener, wirtschaftlich vernünftiger und sozial
akzeptierter Weg, auch unsere Gebäude und Heizungen klimafreundlich zu
machen. Das ist unsere Aufgabe. Übrigens habe ich da jetzt auch noch heute sogar von
einem bei mir in hohem Kurs stehenden Chefredakteur einer in München
erscheinenden Zeitung gelesen: Die FDP im Bundeskabinett, die habe ja
zugstimmt, nur eine eine Protokollerklärung gemacht
und quasi den Bundestag aufgefordert zu Veränderungen zu kommen. Was das denn
sei? Ja, was ist denn das? Ein normales Verfahren. Das ist jetzt nicht von
uns erfunden worden. Ich erinnere mich, dass beispielsweise die Kollegin Baerbock dem Entwurf des Haushalts 2023 nur mit der
Protokollerklärung zugestimmt hat, dass sie im parlamentarischen Verfahren
noch zusätzliche Mittel bekommen müsse und ansonsten das aber alles sehr
kritisch sehe. Dazu will ich mich gar nicht äußern. Aber das ist ein normales
Verfahren. Warum wählt man es? Man wählt es, weil man zwar noch sachliche
Bedenken hat, die geklärt werden müssen, aber dennoch Fristen drohen, zum
Beispiel eine parlamentarische Sommerpause, aber ein Vorhaben beschlossen
werden muss, weshalb man die endgültige Klärung von Vorhaben dann in das
Parlament gibt. Denn das Parlament trifft sowieso erst die endgültige
Entscheidung. Manchmal ist es so: Wenn die FDP sich gewisser Verfahren der
Staatspraxis bedient, dann wird es bei uns kritisiert. Bei anderen wird es
hingenommen. Ich glaube, dieses Los müssen wir tragen. Liebe Freundinnen und Freunde, in der Energiepolitik
steht uns Großes bevor. Ich will das nur kurz andeuten. Ich bin etwas
bekümmert, dass wir in Deutschland nun mehr Kohle verfeuern müssen, um
schneller sichere, saubere Kernkraftwerke abschalten zu müssen. Aber das ist
eine Koalition. So sind Koalitionen. Nun wird uns vorgehalten und die eine
und der andere von Euch hat mir das auch geschrieben, per WhatsApp oder per
Email: Ja, die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die habe doch einen so tollen
Antrag gestellt. Ja, warum habe denn die FDP im Bundestag nicht zugestimmt?
Das kann ich leicht erklären: Weil SPD und Grüne den ganzen Anträgen der
Linkspartei für Steuererhöhungen und Enteignung auch nicht zustimmen können
trotz Sympathie, weil in Koalitionen wechselnde Mehrheiten ausgeschlossen
sind, weil sonst ein planvolles gemeinsames Gestalten nicht möglich wäre. Das
ist der Grund. Ich hätte nicht gedacht, dass man dieses Prinzip so oft erklären
muss, aber es ist der Fall. Unsere Haltung jedenfalls ist klar: Die Kernspaltung
mit der heutigen Technologie, wie wir sie haben, ist keine Zukunftsoption,
zumal in Deutschland nicht realistisch. Was mit neueren Formen der
Kernspaltung dereinst passiert, das werden spätere Generationen entscheiden.
Wäre es nach uns gegangen, wäre die jetzt vorhandenen Kernkraftwerke
reserviert, um sie im Falle des Falles in Betrieb nehmen zu können. Aber
letztlich sind das Auseinandersetzungen in diesem historischen Moment, in
diesem besonderen Jahr. Die Zukunftsaufgabe, liebe Freundinnen und Freunde,
ist eine andere. Da geht es nicht um die drei Kernkraftwerke, die jetzt vom
Netz gegangen sind. Nach meiner Überzeugung geht es da auch nicht selbst um
die neuere Generation der Kernspaltung. Die Zukunftsfrage, das ist die
Kernfusion. In Bayern gibt es ein Unternehmen, das kurz vor einem Durchbruch
steht. Kernfusion ist ein Zukunftsfeld, das in Deutschland erhalten bleiben
muss. Und aus diesem Grund ist es erforderlich, dass wir im Bereich der
Forschung und der europäischen Zusammenarbeit das uns Mögliche tun, dieser
Technologie eine Chance zu geben. Es wäre nichts gewonnen, wenn hoch
innovative Unternehmen mit dieser Technologie am Ende in die Vereinigten
Staaten von Amerika gehen, weil sie dort willkommen sind. Gehen diese
Unternehmen, gehen nämlich nicht nur Energieoptionen, es geht auch die
Wertschöpfung. Von irgendwas werden wir in der zweiten Hälfte dieses
Jahrhunderts in Deutschland aber leben müssen. Liebe Freundinnen und Freunde, mein letztes
inhaltliches Kapitel will ich mit der Diskussion um die Kindergrundsicherung
beginnen. Manches, was ich da lese, macht mich tatsächlich auch betroffen.
Man ist an einer Debatte beteiligt, die eigentlich nur auf der Basis von
Schlagworten geführt wird. Und meldet man Bedenken an, wird man sehr schnell
in den aufgeheizten Debatten in unserem Land als herzlos oder als gar
Kinderhasser diskreditiert. Mich bekümmert das, aber es hilft ja nichts. Mit
dem Bürgergeld und den erhöhten Regelsätzen, mit dem seit 1996 nicht mehr so
stark erhöhten Kindergeld und auch mit dem Kinderzuschlag haben wir bereits
Milliarden mobilisiert, um Familien mit Kindern, die von Armut bedroht sind,
zu helfen. In Regierungsverantwortung der FDP hat es in den vergangenen
Jahren und Jahrzehnten kein so großes Engagement für Kinder in von Armut
bedrohten Familien gegeben. Und das ist auch richtig so, denn keine Schülerin
soll, weil die Eltern kein Geld haben, nicht an der Klassenfahrt teilnehmen
können und kein Schüler soll, weil die Eltern kein Geld haben, den Beitrag
für den Musikverein nicht leisten können. Liebe Freundinnen und Freunde, in finanzieller
Hinsicht ist da also viel getan, da kann uns keiner
einen Vorwurf machen. Aber oft genug kommt das, was möglich ist, bei den
Familien, die es brauchen, gar nicht an. Nehmen wir mal ein Praxisbeispiel.
Ein Lagerist, der Vollzeit arbeitet, mit relativ kleinem Gehalt, der fünf
Kinder hat und seine Partnerin ist zu Hause, übernimmt die Care-Arbeit, das
ist eine Familie, die trotz eines Vollzeit-Verdienenden nicht in der Lage
ist, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber viele dieser Familien – der
Lagerist mit fünf Kindern, die Partnerin übernimmt zu Hause die Care-Arbeit
–, die wissen gar nicht, dass ihnen ein Kinderzuschlag zusteht. Die
beantragen ihn deshalb nicht, sondern sparen dann möglicherweise
gezwungenermaßen bei den Kindern. Und deshalb, liebe Freundinnen und Freunde,
sagen wir als Freie Demokraten, der richtige, notwendige Schritt, der keinen Aufschub
duldet, ist, dass in einem digitalen, modernen, automatisierten Verfahren die
Familien endlich das bekommen, was ihnen zusteht. Das ist nicht nackte
Verwaltungstechnik, sondern das wird für tausende Familien in unserem Land
die Lebenssituation verbessern. Die Diskussion geht weiter. Die Grünen, die Kollegin
Paus fordert eine Ausdehnung von Leistungen. Ich
meine, wir sollten zunächst die Treffsicherheit der bestehenden diskutieren.
Einerseits fordern die Grünen zusätzliche Leistungen, Einbeziehung etwa von
denjenigen, die Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten, mehr
Geld aus Transfers, andererseits plant Bettina Stark-Watzinger
ein Startchancenprogramm mit Talentschulen gerade in den Stadtteilen, wo es
besondere soziale Aufgaben gibt, wo besonders viele Schülerinnen und Schüler
aus Familien kommen, die von Armut bedroht sind. Einerseits wird also
gefordert, zusätzliche Geldleistungen zu schaffen, obwohl Kinderarmut oft in
der Erwerbs-, der Bildungsarmut oder auch in unzureichenden Sprachkenntnissen
der Eltern begründet ist sind. Andererseits geht es darum, einen nachhaltigen
präventiven Weg zur Bekämpfung von Armut einzuschlagen. Der beste Weg, Armut
zu verhindern bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen ist, sie mit fairen und
guten Bildungschancen auszustatten, damit sie eine Chance haben, auch am
Arbeitsmarkt teilzuhaben. Deshalb, liebe Freundinnen und Freunde, haben wir
für Kinder bereits finanziell viel getan. Wir wollen ein vereinfachtes
Verwaltungsverfahren. Aber wenn es jetzt darum geht, bei knappen Mitteln,
gibt es noch einmal zusätzliche Transferleistungen oder investieren wir Geld
konkret in die Bildung, liebe Freundinnen und Freunde, wenn ich vor diese
Wahl gestellt werden würde, dann würde ich sagen, jetzt müssen wir auch die Bildung
stärken, denn nichts schafft mehr Fairness als wenn nicht die Herkunft aus
dem Elternhaus über den Lebensweg entscheidet, sondern Fleiß, Talent und die
eigenen Lebensentscheidungen aufgrund von Bildung. Und dieses kleine Beispiel steht exemplarisch für
viele Diskussionen, die wir in der Koalition führen. Es wird ja gelegentlich
gesagt: Ja, die FDP, ist die jetzt eine Dafür-Partei oder eine
Dagegen-Partei? Liebe Freundinnen und Freunde, wir sollten uns nicht darüber
definieren lassen, ob wir für oder gegen die Ideen von anderen sind. Wir
haben nämlich eigene gute Ideen, und für die kämpfen wir. Apropos Ideen: Es gibt jetzt eine ganz aktuelle
Debatte. Die CDU hat neue steuerpolitische Ideen. Die Idee ist: Wir wollen
kleine und mittlere Einkommen entlasten. So weit, so gut. Das unterstützen
wir. Mit unserem Inflationsausgleich haben wir die Menschen in der Mitte der
Gesellschaft stark entlastet. Zum Beispiel eine vierköpfige Familie mit
55.000 Euro Einkommen um 800 Euro. Also: Kleine und mittlere Einkommen
entlasten – sehr gut. Aber die CDU geht weiter. Sie sagt, das müsse
gegenfinanziert werden durch eine stärkere Belastung bei einem dann später
einsetzenden Spitzensteuersatz. Die Idee ist für die CDU neu, aber in der
Politik öfter geäußert, zum Beispiel von meinem Kollegen Robert Habeck. Man muss wirklich sagen, das Feedback auf die
Vorstöße der CDU ist nicht allenthalben schlecht, sondern ganz im Gegenteil:
Viele attestieren der CDU jetzt Beweglichkeit. Beispielsweise der von mir
sehr geschätzte Journalist der Süddeutschen Zeitung, Claus Hulverscheidt, der übrigens bei meinem Vater
Mathematikunterricht hatte – wir kommen also gewissermaßen aus derselben
Schule –, der hat geschrieben, man müsse anerkennen, die CDU bewege sich
jedenfalls. Die FDP sei, in meinen Worten, in ihren Dogmen gefangen. Und er
sagt weiter: Es wird einsam um Christian Lindner. Liebe Freundinnen und Freunde, man muss ja wissen
die CDU/CSU macht das ja alles nicht aus Nächstenliebe, um der FDP
Alleinstellungsmerkmale zu verschaffen. Das ist ja nicht ein Rückbesinnen auf
das große „C“. Da geht es um etwas ganz anderes. Nach meiner festen
Überzeugung sind das weitere schwarz-grüne Lockerungsübungen, für die die
Union von manchem Leitartikler Respekt und Anerkennung erfährt. Ich bin ja sehr serviceorientiert, wie bekannt ist,
und deshalb habe ich schon vor einiger Zeit einmal ausrechnen lassen, was das
eigentlich konkret bedeutet, kleine und mittlere Einkommen entlasten, den
sogenannten Mittelstandsbauch abflachen, und dafür den Spitzensteuersatz
später vorsehen, also bei einem etwas höheren Einkommen mit einem höheren
Prozentsatz, damit die Rechnung aufgeht. Das habe ich mal konkret ausrechnen
lassen, worüber jetzt auch die CDU nachdenkt, und wie es auch mein Kollege
Robert Habeck schon einmal ins Gespräch gebracht
hat. Also, die Idee der Union läuft darauf hinaus, dass
der Spitzensteuersatz zukünftig immerhin erst bei 80.000 Euro anfällt, dann
allerdings 57 Prozent betragen würde. Jetzt kann man sagen: Nein, nein,
es sollen keine 57 Prozent sein, wir sorgen dafür, dass es nur
52 Prozent sind. Dazu habe ich eine ganz klare Meinung: Einerseits
glaube ich, dass für Mittelstand und Handwerk und Fachkräfte, die klugen
Köpfe und fleißigen Hände, die wir nach Deutschland einladen wollen, Steuererhöhungen
nicht unbedingt ein Signal sind, um hier etwas erreichen zu wollen. Aber vor
allen Dingen aus einer normativen Perspektive: Ich betrachte es als schlicht
ungerecht, wenn jemand mehr abgeben soll, als ihm von den Ergebnissen seiner
Leistung zusteht. Das kann nicht funktionieren, liebe Freundinnen und
Freunde. Dann der Vorschlag der Union zur Erbschaftsteuer.
Wir haben jetzt ein Verschonungsmodell. Das bedeutet, betriebliches Vermögen
wird nicht versteuert, wenn das Unternehmen erhalten bleibt, wenn die
Arbeitsplätze erhalten bleiben. Es gibt einen innovativen Vorschlag: Lasst
uns einfach eine Art Flat Tax machen,
10 Prozent auf alles. Und auch das wird dann von manchen begrüßt. Ich
fürchte, es fängt irgendwann mit 10 Prozent an, aber dann ganz schnell,
über das eine und andere Jahr und Steuergesetz ist man bei 15 Prozent. Aber einerlei, geht man so an das Betriebsvermögen
unseres Mittelstands heran, bedeutet das noch eines: Die börsennotierten
großen Gesellschaften, die haben keine Erbfälle. Aber der Mittelstand wird
von dieser Erbschaftssteuer jede Generation in Anspruch genommen, alle 20, 30
Jahre vielleicht. Da muss dann alle zwei, drei Jahrzehnte ein Familienbetrieb
sein komplettes Eigenkapital beim Fiskus abgeben, während auch noch die
betriebliche Nachfolge organisiert werden muss, wohingegen auf der anderen
Seite die großen Betriebe, Industrie, Kapitalgesellschaften an den Börsen
davon völlig verschont bleiben. Eine solche Idee schwächt nicht nur die
Investitionstätigkeit der Familienbetriebe, es beschädigt auch ihre
Wettbewerbsfähigkeit im Verhältnis zu den Großen und deshalb darf das so
nicht kommen. Liebe Freundinnen und Freunde, ich gönne der Union jeden
positiven Leitartikel, den sie bekommen hat und ich wünsche ihr weiter
Ideenreichtum dieser Art. Wir werden aber nicht jeder falschen Idee folgen. Liebe Freundinnen und Freunde, ein letzter Gedanke.
Es ist ja in dieser Koalition so, dass wir um viele Fragen ringen müssen.
Angesichts von 30 Stunden Koalitionsausschuss ist das irgendwie offensichtlich.
Auf einen Unterschied will ich allerdings noch einmal hinweisen: Bitte
erinnern Sie, erinnert Euch doch nochmal an die letzte Marathonsitzung der
großen Koalition. Am Ende der letzten Marathonsitzung der großen Koalition
stand die sogenannte Osterruhe, die dann nicht kam und ein abgesetzter
Verfassungsschutzchef sollte Staatssekretär im Innenministerium werden. Da
muss ich sagen: Jawohl, bei uns dauert es manchmal auch lang. Aber nach 30
Stunden stehen da schnellere Autobahnprojekte, ein Klimaschutzgesetz mit
Marktwirtschaft, Investitionen in die Bahninfrastruktur und anderes. Ich kann
nur sagen, bei uns lohnt sich das Warten wenigstens, da kommt nämlich
Besseres raus. Liebe Freunde, in diesem Jahr stehen drei wichtige
Landtagswahlen an. In Bremen ist die CDU völlig orientierungslos. Rote
Plakate, grüne Inhalte, halber Kandidat. Ich habe eben schon mal kurz die
Haushaltssituation von Bremen geschildert. Aber im Zentrum des
CDU-Wahlprogramms steht ein neues Förderprogramm für Lastenräder, und das im
Bundesland mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung. Da kennt man die
Prioritäten der Union. Bremen wird seit Jahrzehnten unter Wert regiert.
Bremen stand mal oben. Leider ist es an vielen Stellen jetzt unten. Wir haben
einen starken Kandidaten, der das ändern will und der Momentum
hat. In einer gestern veröffentlichten Umfrage wenige Wochen vor dieser für
uns so wichtigen Wahl hat die FDP in Bremen von 4 Prozent auf 6 Prozent
zugelegt. Die Richtung stimmt. Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein lässt
nahezu keine Gelegenheit aus, auf Distanz zu den Grünen zu gehen und gibt
ihnen dann aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder nach. Hessen ist
ein starkes Land in der Mitte unseres Landes. Aber leider hat auch Hessen in
den vergangenen Jahren an Dynamik verloren. Stefan Naas
will das ändern. Er will und wird Hessen wieder zum dynamischen Erfolgsland
in der Mitte Deutschlands machen. Ein Land, in dem wir uns alle gerne
freiwillig aufhalten und nicht nur, weil wir auf hessischen Autobahnen im
Stau stehen. Und dann Bayern. In Bayern gibt es für, ich sage mal
„den Ideenreichtum“ inzwischen sogar ein eigenes Verb, nämlich das Södern. Politik nach Laune, Stimmung, Tageszeit. Mal für
den Verbrennungsmotor, mal dagegen, mal für die Gentechnik, mal dagegen, mal
für Kernkraft, mal dagegen. Das ist es aus meiner Sicht, hier vorne ist der
bayerische Landesverband, das ist kein sympathisches „Mia san
mia“, das ist ein „I werd
narrisch“. Und ich finde, lieber Martin [Hagen],
dir gebührt Dank und Anerkennung dafür, dass du dich im Maximilianeum
von dieser Politik des Tarnens, Tricksens und Täuschens nicht aus der Ruhe
bringen lässt, sondern für ein liberales, sympathisches und frisches Bayern
stehst. Dafür hättest du schon jetzt den bayerischen Verdienstorden verdient,
mindestens aber ein gutes Wahlergebnis. Ich will mich bedanken bei Nicola Beer. Ich will
mich bei ihr in doppelter Hinsicht bedanken. Zum einen will ich ihr danken,
dass sie mein Angebot angenommen hat, für unser Land an einer führenden
Stelle in Europa als Macherin zu gestalten. Die Europäische Investitionsbank
ist eine vielleicht nicht für alle bekannte, aber umso bedeutendere und
weiter an Einfluss gewinnende Institution zur Finanzierung der
Transformation, um Innovationen sicherzustellen. Und diese besondere
Institution braucht starke Führungspersönlichkeiten. Und sie wird erhalten
eine Vizepräsidentin mit einem klaren ordnungspolitischen Kompass. Liebe
Nicola, für diese große Aufgabe im Interesse unseres Landes wünschen wir Dir
Fortune und allen Erfolg. Ich will Dir danken dafür, dass du diese
Herausforderung annimmst. Aber natürlich will ich Dir auch danken für die
Herausforderungen, die wir mit Dir und dank auch Deiner klugen Führung
bereits gemeistert haben. Es ist ja hier keine Verabschiedung und kein Ort
der Erinnerung an Deine vielfältigen Aufgaben, die Du in der hessischen
Landespolitik gehabt hast als Abgeordnete, als Europa-Staatssekretärin, als
Kultusministerin, nein, ich beziehe mich jetzt auf unsere enge Zusammenarbeit
während eines Jahrzehnts. Nicola Beer ist in einer Zeit, als nahezu keiner
einen Pfifferling auf die FDP gegeben hat, im Ehrenamt Generalsekretärin der
FDP geworden. Sie hat beim Wiederaufbau, sie hat vom Leitbildprozess über die
Wahlkämpfe und dann auch die Arbeit im Parlament für uns Verantwortung an
führender Stelle getragen. Nicola, Du hast Dir, wie überhaupt nur ganz, ganz,
ganz wenige andere Verdienste um unsere gemeinsame Freie Demokratische Partei
erworben. Und ich füge hinzu: Außerdem bist Du eine tolle Persönlichkeit und
eine gute Freundin. Wir freuen uns, dass Du weiter in unserer Mitte bleibst. Liebe Freundinnen und Freunde, da ist eine starke
Kämpferin für und in Europa auf der Seite der Exekutive. Aber wir brauchen
natürlich auch Freiheitskämpferinnen auf der Seite der Legislative. Wie
wichtig das Europäische Parlament ist, haben wir gerade in den letzten
Monaten noch einmal gesehen. Ich nenne nur die Auseinandersetzung um das
sogenannte Verbrenner-Verbot. Es kann nicht auf Dauer so sein, dass wir
gewissermaßen nur im Europäischen Rat als Bundesregierung europäische
Entscheidungen beeinflussen. Wir wollen auch im Parlament Gewicht haben und
noch mehr Gewicht haben. Wir sind eine Europapartei. Insofern ist der
Wahlerfolg auf europäischer Ebene für uns nicht nur Ergebnis einer
Nützlichkeitserwägung, sondern Ausdruck auch unserer inneren Einstellung. Und
deshalb bin ich glücklich und dankbar, dass eine unserer stärksten
Persönlichkeiten, eine unserer besten Wahlkämpferinnen, die gezeigt hat in
den letzten Monaten, dass sie jeden Tag aufs Neue ihre Scheu gegenüber den
Medien zu überwinden vermag, dass wir mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann eine
großartige Spitzenkandidatin für die nächste Europawahl haben. Wir haben im Präsidium in den vergangenen zwei
Jahren viel erreicht. Wir haben eine Bundestagswahl erfolgreich bestritten.
Wir haben eine Koalition gebildet. Und wir haben die Freien Demokraten in
Regierungsverantwortung in den letzten Monaten geführt. Das gelingt nur als
Team mit starken Einzelpersönlichkeiten. Und deshalb will ich mich auch sehr
herzlich bedanken bei meinen Kolleginnen und Kollegen in unserem Präsidium.
Lieber Bijan [Djir-Sarai], lieber Wolfgang
[Kubicki], liebe Nicola [Beer], lieber Johannes [Vogel], liebe Bettina
[Stark-Watzinger], lieber Michael Theurer, liebe Lydia [Hüskens],
lieber Michael Link, ganz herzlichen Dank für die wirklich immer kollegiale,
immer konstruktive, aber da, wo es notwendig ist, auch kontroverse Suche nach
den besten Lösungen. Ich glaube, wir haben gezeigt: Die FDP ist ganz stark,
wenn sie nicht gegeneinander arbeitet, sondern wenn wir miteinander in der
Sache arbeiten. Vielen Dank für diese tolle Zusammenarbeit. Lieber Michael Zimmermann, Dir und dem Team im
Hans-Dietrich-Genscher-Haus, herzlichen Dank für die exzellente Arbeit in den
vergangenen zwei Jahren. Und ich möchte auch Karl-Heinz Paqué
für die Naumann-Stiftung, Uli Rülke für die Fraktionsvorsitzendenkonferenz und Moritz Körner für
unsere Kolleginnen und Kollegen im Europäischen Parlament für die gute
Zusammenarbeit danken. Aber besonders hervorheben möchte ich Christian Dürr,
den Chef unserer Bundestagsfraktion. Die Zusammenarbeit mit Euch ist super
und es ist ein Gewinn, dass kein Gesetz den Bundestag so verlässt, wie es den
Bundestag erreicht hat. Vielen Dank Dir und allen Kolleginnen und Kollegen. Liebe Freundinnen und Freunde, ich erinnere mich,
vor fast genau zehn Jahren stand ich auch hier und wurde zum ersten Mal zum
Parteivorsitzenden gewählt. In welcher Lage war die FDP damals? Damals war
die FDP finanziell überschuldet. Heute steht die FDP wirtschaftlich solide
und so gut wie seit vielen Jahrzehnten nicht da. Damals hatten wir nur noch
gut 55.000 Mitglieder, heute sind es 20.000 mehr. Damals standen wir in
Umfragen bei 2 Prozent. Heute stehen wir bei 7 Komma.
Damals waren wir APO. Heute sind wir Regierungspartei. Aber darum alleine geht es nicht. Ich glaube, damals
war die FDP eine Partei, die wenig mit sich anzufangen wusste, die nicht so
recht wusste, wer sie ist und wofür sie steht. Ich habe hier heute versucht,
auch anhand unseres konkreten Regierungshandelns noch einmal in Erinnerung zu
rufen, wofür wir eigentlich stehen, für den Gedanken, dass Freiheit unteilbar
ist, dass alle Menschen faire Chancen verdient haben und Leistung sich lohnen
muss. Dass Wohlstand erst erwirtschaftet werden muss, bevor er verteilt
werden kann. Dass wir Verantwortung tragen nicht nur für unsere Freiheit,
sondern auch für die von Menschen anderswo auf der Welt und die unserer
Nachkommen. Dass wir mehr Freude am Erfinden als am Verbieten haben sollten.
Vor zehn Jahren habe ich gesagt, es sei nicht schlimm, wenn die FDP
angegriffen wird für das, wofür sie steht. Schlimm sei nur, wenn die FDP
angegriffen wird, weil sie für nichts steht. Wenn ich mir heute die Angriffe
ansehe: Ich glaube, da habe ich geliefert. Ich glaube sagen
zu können, da hat sich etwas verändert. Jetzt könnte man sagen: Nach zehn
Jahren steht die FDP gut da. Jetzt könnte man ja eigentlich auch gehen. Und
das ist auch eine gute Bilanz. Und was soll das denn noch? Liebe Freundinnen
und Freunde, ich will durchaus sagen, der enorme Zeiteinsatz und auch
vielleicht mancher Angriff, Versuche sogar, das Privatleben zu
skandalisieren, das ist ein gewisser Preis, den man als Vorsitzender der
Freien Demokraten zahlt. Aber mit aller Überzeugung sage ich: Die Aufgabe,
unsere Werte, Ihr seid es wert. Wir haben nämlich noch viel vor und ich mit
Euch. Wir kämpfen für den Wert der Freiheit, für wirtschaftliche Vernunft,
faire Lebenschancen und ein modernes, nicht linkes Deutschland. Der Auftrag ist
eben noch nicht erfüllt. Wir stehen gemeinsam erst am Anfang. Ich danke Euch. |